REFLEXIONEN

Präsentation mit Film-Collage zur Gedenkstättenfahrt Isenschnibbe 

Donnerstag 27.1., 12 Uhr / Markgraf-Albrecht-Gymnasium Osterburg oder online

Filmvorführung und Reflexionen am Osterburger Gymnasium (am)
Filmvorführung und Reflexionen am Osterburger Gymnasium (am)
Nachgespräch über Gefahren und Verantwortungen (am)
Nachgespräch über Gefahren und Verantwortungen (am)

Schüler*innen des Markgraf-Albrecht-Gymnasium Osterburg besuchten die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelgen. Dort wurden am 13. April 1945 in einer Feldscheune 1016 KZ-Häftlinge aus vielen europäischen Ländern ermordet. In einer Präsentation mit einem selbst erstellten Film, einer Powerpoint und persönlichen Reflexionen berichteten sie über die Ereignisse und Nachwirkungen des Massakers. 

 

Es entstand ein Film, in dem die Schüler*innen ihre persönlichen Erwartungen und Eindrücke, aber auch Fakten und Gelerntes verarbeiteten. Nach der Filmvorführung stellten sie Zeitzeugenberichte und eigene Gedanken vor. Angeleitet wurden sie von den Geschichtslehrern Fabian Kröhnert und Clemens Fischer. Sie gingen vor allem der Frage nach, wie konnten Menschen damals so grausam sein und wie radikalisieren sich heute Menschen in ihrem Umfeld. Sie eerkennen die Gefahren im Internet, wollen weiterhin achtsam sein und sich gegen Hetzte und Gewalt engagieren. In der Arbeitsgruppe waren: Mette Engel, Henrieke Mewes, Jonathan Schulze, Frances Moldenhauer, Maike Bürgel, Katharina Ellenberg, Maria Stepanek, Josephine Möhring, Phil Dietrich und Jonathan Schulze.

 

Der Präsentation wohnten neben Schülern des Gymnasiums die Schulleiterin Elke Hein, die Schulsozialarbeiterin Steffi Dembinsky, Leiter der Gedenkstätte Isenschnibbe Andreas Froese, Historiker Dr. Anton Hieke von der Universität Halle, Projektkoordinatorin Denken ohne Geländer Aud Merkel und Jürgen Lenski, Vorsitzender der Altmärkischen Bürgerstiftung Hansestadt Stendal, bei. Es entstand ein interessantes Nachgespräch mit den Schüler*innen über Gendenkarbeit und Verantwortung aller Generationen. Die Veranstaltung wurde vom MDR Radio und TV besucht.

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Wie werden aus normalen Menschen (Massen-)Mörder?
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Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Theaterstück nach dem Roman von Manja Präkels in einer Bearbeitung von Jochen Gehle

22. Januar 2022, um 19.30 Uhr, Theater der Altmark im Uppstall-Kaufhaus Stendal

Schulvorstellung 27.1. 10 Uhr

Sebastian Hammer, Siri Wiedenbusch und Alexandra Sagurna in »Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß« (nb)
Sebastian Hammer, Siri Wiedenbusch und Alexandra Sagurna in »Als ich mit Hitler Schnapskirchen aß« (nb)
Romanautorin Manja Präkels besuchte die Premiere der Stendaler Theaterfassung am Theater der Altmark. (am)
Romanautorin Manja Präkels besuchte die Premiere der Stendaler Theaterfassung am Theater der Altmark. (am)

Der Roman von Manja Präkels, der 2018 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Anna-Seghers-Preis ausgezeichnet wurde, ist in der Bearbeitung von Jochen Gehle und in der Inszenierung von Louis Villinger auf der Bühne im Uppstall-Kaufhaus in Stendal zu sehen. Mit der Premiere des Theaters der Altmark wird die Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer« eröffnet.

 

Eine Kleinstadt in der brandenburgischen Provinz. Hier wächst Mimi in den 1980er und 1990er Jahren auf. Mit dem Nachbarsjungen Oliver geht sie angeln, sie spielen Fußball, leisten gemeinsam den Pionierschwur und naschen heimlich von den Schnapskirschen der Eltern. Plötzlich ist die Wende da. Der Niedergang der DDR verspricht einen Neuanfang, weckt Hoffnungen einerseits und führt zu tiefen Verunsicherungen andererseits.

 

Auch an Mimis Familie geht der gesellschaftliche Umbruch nicht spurlos vorbei. Die Mutter, eine ehemals linientreue Lehrerin, wird bedroht, der Onkel verliert seine Funktion in der Partei, der Vater wird zusehends kränker. Mimis Freundschaft mit Oliver zerbricht, als er sich einer Gruppe Skinheads anschließt.

 

Schon bald ist er ihr Anführer und lässt sich »Hitler« nennen. Die Neonazis kontrollieren das Leben in der kleinen Stadt und machen Jagd auf Unangepasste, während der Rechtsstaat der Gewalt hilf- und tatenlos gegenübersteht. Viele schauen weg, Angst macht sich breit. Auch Mimi, die jetzt eine »Zecke« ist, wird bedroht und muss vor ihrem ehemaligen Freund fliehen. Es dauert nicht lange, bis die Situation vollends eskaliert …

 

Manja Präkels, geboren 1974 in Zehdenick, schildert in ihrem autobiografisch gefärbten Roman Mimis Kindheitserinnerungen ebenso eindringlich wie die Hilflosigkeit angesichts der grassierenden rechten Gewalt während der sogenannten »Baseballschlägerjahre« unmittelbar nach der Wende. Sie beschreibt schonungslos, »welche tiefen Spuren die Auflösung des sozialistischen Staates in den Biografien der Menschen hinterlässt. Vor allem erzählt sie aber davon, wie rechtes Gedankengut, Wut und Hass um sich greifen, wie aus Kinderfreunden Täter, wie aus Oliver ›Hitler‹ werden konnte«, so die Jury des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Im Nachgespräch mit der Theaterpädagogin Eva Lankau sowie Regisseur Louis Villinger und den Schauspieler*innen Claudia Tost, Paul Worms, Siri Wiedenbusch, Sebastian Hammer, Alexandra Sagurna und Kathrin Berg stellten die Berufsschüler*innen interessiert Fragen zu den Wendejahren. Sie erzählten von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus und wie sie sich im Alltag für Freund*innen einsetzen. Gemeinsam mit der Theaterpädagogin Eva Lankau und den Schauspieler*innen wurde überlegt, wie Gewalt entstehen kann und was Freundschaft bedeutet.


MUSCHA

Kinderbuchlesung und Gespräch mit der Autorin Anja Tuckermann ab 10 Jahren

So 23.1.2022, 15 Uhr & Mo 24.1.2022, 10 Uhr / Kaisersaal, Karlstr. Stendal  


Die Autorin Anja Tuckermann stellte im Theater der Altmark ihr Jugendbuch »Muscha« vor (am)

Die Hochschule Magdeburg-Stendal und das Junge TdA setzten die gemeinsame Lesereihe »Wenn die Welt plötzlich anders wird« fort und luden im Rahmen der Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer« die Autorin Anja Tuckermann nach Stendal in den Kaisersaal des Theaters ein. Anja Tuckermann stellte ihr Buch »Muscha« vor, einen dokumentarisch-biografischen Roman über einen Sinto-Jungen im Dritten Reich.

 

Josef versteht nicht, warum er anders behandelt wird als alle. Liegt das an seinen schwarzen Haaren oder daran, dass seine Haut ein bisschen dunkler ist als die der anderen? Nicht einmal die Eltern wollen ihm sagen, warum. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erfährt er die Wahrheit über seine Herkunft und seinen Namen.

 

»›Muscha‹ ist ein direktes, klares und trotzdem behutsames, sanftes Buch. Was es auszeichnet, sind die Lücken, Auslassungen, die fehlenden Antworten und die scheinbaren Trivialitäten – Kohlenklau, Pfundtüten, Deutschlandlied – läppische Alltäglichkeiten, nur eben Nazialltäglichkeiten und somit politisch und bisweilen tödlich.« (Die Zeit)

 

Anja Tuckermann, geboren 1961, aufgewachsen in Berlin-Kreuzberg, schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Auch in den Romanen »Denk nicht, wir bleiben hier« und »Mano. Der Junge, der nicht wusste, wo er war« befasste sie sich mit dem Schicksal von Sinti-Kindern im Nationalsozialismus. Ihre Werke wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Kathrin-Türks-Preis.

 

Im Theater der Altmark las sie zweimal aus ihrem Buch. Bei der Erwachsenenvorstellung sprach sie auch über ihre Recherchearbeit und die persönlichen Begegnungen mit dem »realen Josef«, der ihr seine Lebensgeschichte erzählte. Es entwickelte sich mit dem Publikum ein interessantes Gespräch über Zeitzeugenarbeit und die Arbeit mit Schulkindern. Bei der Vormittagslesung lauschten dann 36 zehnjährige Kinder aufmerksam der Geschichte. Im Anschluss stellten sie der Autorin Fragen und berichteten über eigene Erzählungen zur Zeit des Nationalsozialismus in ihren Familien.

 

Ein Studierenden-Projekt der Hochschule Magdeburg-Stendal beschäftigte sich im Rahmen von »Denken ohne Geländer« mit historischem und aktuellem »Antiziganismus« und dem Jugendbuch »Ede und Unku« von Alex Wedding (Grete Weißkopf) aus dem Jahre 1931.

 

»Ehrlich gesagt, möchte ich sowieso in keinem anderen Land leben als in Deutschland. (…) Ich bin hier zu Hause. Und so empfinde ich es auch. Trotzdem gibt es Momente, in denen ich mich fremd fühle. Es kommt sogar vor, dass ich so etwas sage wie: ›Ich als Ausländer‹ oder ›Ihr Deutschen‹.«

 

So spricht Janko Lauenberger, ein Sinti, in Deutschland geboren und aufgewachsen im Buch: Ede und Unku - die wahre Geschichte. Wie kann es sein, dass Minderheiten, wie die Roma und Sinti bis heute systematisch ausgegrenzt werden, sich selbst nicht als Deutscher oder Deutsche begreifen können? Eine Antwort auf diese Frage, versuchen wir in der Geschichte dieses Landes zu finden, einer Geschichte, die mehrer hundert Jahre zurückreicht und uns zeigt, wie wichtig es ist, dass wir uns an all die Schicksale erinnern – um es heute besser zu machen. 

 

Mascha, Nina und Fine, Studierende der Hochschule Magdeburg-Stendal 2022

 

Sie haben eine dazu eine multimediale Präsentation erstellt, die auf Nachfrage unter www.denken-ohne-gelaender.de Interessierten zu Lernzwecken zur Verfügung gestellt werden kann.

Hachschara Havelberg:

Gemeinschaft und Hoffnung auf ein Leben in Palästina

Museumsleiterin Antje Reichel führt zu den Spuren der Hachschara-Bewegung

am 25. Januar 2022 um 10.00 Uhr

Hachschara-Poster
Hachschara-Poster
Museumsleiterin Antje Reichel führte bei Havelberg mit Zeitdokumenten  durch das ehemalige Hachschara-Lager (am)
Museumsleiterin Antje Reichel führte bei Havelberg mit Zeitdokumenten durch das ehemalige Hachschara-Lager (am)
Studentin Jenny Heine präsentierte die Ergebnisse der Hochschularbeit zum Thema Hachschara auf einem Poster (am)
Studentin Jenny Heine präsentierte die Ergebnisse der Hochschularbeit zum Thema Hachschara auf einem Poster (am)


Hier finden sich weitere Materialien, wie Zeitdokumente, Fotos und Hörstücke zum Poster:

Exkursionsbericht | Vorgeschichte | 1933 | 1934 | 1935 | 1936 | 1937 | 1938 | 1939 | 1940 | 1941 | 1942 | 1943

EINSTELLUNGEN, RESSENTIMENTS, ERFAHRUNGEN

Livestream mit Forschungsergebnissen und Publikumsdiskussion zu Antisemitismus heute:

Strukturen, Erfahrungen und Folgen am Beispiel von Berlin

25. Januar 2022 um 18.30 Uhr | Bericht von Edda Gehrmann

Die Hochschule Magdeburg-Stendal untersucht seit 2019 in einem Forschungsverbund mit der Universität Leipzig Antisemitismus in der Gegenwart. Dabei werden die Verbreitung antisemitischer Einstellungen, die Dynamik antisemitischer Ressentiments und die Erfahrung von Antisemitismus aus jüdischen Perspektiven am Beispiel Berlins in den Blick genommen. In einer Online-Gesprächsrunde der Landesantidiskriminierungsstelle (LADS), der Berliner Landeszentrale für politische Bildung und des Projektteams des Berlin-Monitors wurden am 25. Januar 2022 Ergebnisse aus der Forschung zum Schwerpunkt Antisemitismus präsentiert und diskutiert.

 

Eine Besonderheit des Monitorings ist die Kombination aus bevölkerungsrepräsentativer Umfrage, Einzelbefragungen und Gruppendiskussionen. Prof. Dr. Oliver Decker von der Universität Leipzig, einer der Studienleiter, stellte die quantitativen Ergebnisse des Berlin-Monitors 2021 mit Blick auf die Ausprägung antisemitischer Ressentiments vor. Antisemitismus zeige sich im Kontext einer Neo-NS-Ideologie, als tradierter Antisemitismus und insgesamt als ein sehr wandelbares Phänomen. Die Befragten wurden u. a. mit diesen drei antisemitischen Annahmen konfrontiert: 

  • Auch heute noch ist der Einfluss der Juden zu groß.
  • Die Juden arbeiten mehr als andere Menschen mit üblen Tricks, um das zu erreichen, was sie wollen.
  • Die Juden und Jüdinnen haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich und passen nicht so recht zu uns. 

Acht Prozent der Berliner:innen sind sicher, dass Juden zu viel Einfluss haben, bei weiteren 11 Prozent zeigte sich eine latente Zustimmung – insgesamt fast 20 Prozent. Mit diesen Werten liegt die Hauptstadt unter dem Bundesdurchschnitt: deutschlandweit stimmen 10 Prozent manifest zu, 25 Prozent latent. 

 

Untersucht wurden im Berlin-Monitor 2021 auch die Verbindungen zwischen Verschwörungsmentalität, Demokratie und Rechtsextremismus.»Verschwörungsmythen sind ein Scharnier der Rechtsextremen in die Mitte der Gesellschaft«, so Prof. Decker. Ein weiteres Fazit der Forschung: Verschwörungsmentalität ist stark verbunden mit einem israelbezogenen Antisemitismus.

 

Erfahrungen mit Antisemitismus in allen Lebensbereichen

 

Prof. Dr. Katrin Reimer-Gordinskaya von der Hochschule Magdeburg-Stendal, ebenfalls eine der Projektleiterinnen des Berlin-Monitors, widmete sich dem qualitativen Studienteil. In 30 leitfadengestützten Interviews kommen Jüdinnen und Juden mit ihrer Perspektive zu Wort. Zu Antisemitismus in ihrem Alltag befragt wurden Expert*innen aus zivilgesellschaftlichen Organisationen sowie nicht-organisierte Jüdinnen und Juden mit unterschiedlichen Erfahrungshintergründen. In die Gespräche flossen US-amerikanische, postsowjetische, ost- und westdeutsche Perspektiven ein. 

 

Ein belastendes Thema für Jüdinnen und Juden in Deutschland ist die »Besonderung«. Katrin Reimer-Gordinskaya: »Kritisch angesprochen wurde, dass Juden und Jüdinnen hierzulande oft nur im Kontext von Gedenkveranstaltungen wahrgenommen werden. Dabei gibt es eine gewisse Ritualisierung des Gedenkens, in der Jüdinnen und Juden in fremdbestimmter Weise positioniert und instrumentalisiert werden.« Positiv gemeinte, aber als peinlich erlebte Besonderung erleben Jüdinnen und Juden aber auch im persönlichen Umfeld, wenn sie z. B. explizit als „jüdischer Freund“ hervorgehoben werden.

 

Weitere Schwerpunkte, die sich in den Interviews herauskristallisierten: Aggression (abwertende Worte, Androhung von Gewalt), Bedrohung (Gefahr von terroristischer Gewalt aus unterschiedlichen politischen Richtungen) und der Israel-Blick (für alles verantwortlich gemacht werden, was Israel tut). Diese Erfahrungen mit Antisemitismus betreffen alle Lebensbereiche. Die nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft wird dabei als „Ewig-Wegguckende“ erlebt, auf die man sich im Zweifel nicht verlassen kann und die antisemitische Vorfälle herunterspielt. Das führt zu defensiven Verhaltensstrategien und zum Rückzug in die eigene Community. In der Öffentlichkeit gibt man einen jüdischen Hintergrund besser nicht zu erkennen. »Das findet nicht in irgendeinem Land, sondern in einer der postnationalsozialistischen Gesellschaften statt«, verdeutlichte Prof. Reimer-Gordinskaya. 

 

»Eine wichtige Studie mit ein bisschen mehr Mut und Kritikbereitschaft«

 

Die Erkenntnisse aus dem Berlin-Monitor, der fortgesetzt wird, fließen ein in »eine ganze Reihe von Projekten, die wir im Bereich der Prävention fördern, auch im zivilgesellschaftlichen Bereich«, so Samuel Salzborn, der als Ansprechpartner des Landes Berlin für Antisemitismus an der Veranstaltung teilnahm. Er wies auf das Landeskonzept zur Weiterentwicklung der Antisemitismusprävention hin, das vom Berliner Senat im März 2019 „als erstes ressortübergreifendes Antisemitismus bekämpfendes Konzept in der Bundesrepublik überhaupt“ verabschiedet wurde. Und er nimmt wahr, dass die vielen Interaktionen des Forschungsteams mit anderen für einen „Wissenstransfer in zivilgesellschaftliche politische Kontexte“ sorgen.

 

Diese Wahrnehmung bestätigte Marina Chernivsky mit ihren Äußerungen. Die Leiterin des »Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment« der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) ist seit vielen Jahren im Bereich der Antidiskriminierung und Antisemitismusprävention tätig und hatte die Moderation des Abends übernommen. Den Berlin-Monitor bezeichnete sie als »eine wichtige Studie in einer Landschaft neuerer Forschungszugänge und auch vielleicht mit einem erneuerten Erkenntnisinteresse, mit ein bisschen mehr Mut und Kritikbereitschaft«. Die letzten fünf bis sieben Jahre betrachtet sie »als eine Neuzeit in der Auseinandersetzung mit Antisemitismus der Gegenwartsgesellschaft, auch in der Annäherung und Thematisierung der unbearbeiteten, nicht aufgearbeiteten Vergangenheit.« Die unterschiedlichen Befunde sollten noch stärker mit den Programmen des Landes, mit der Ausgestaltung und vor allem auch mit der Qualitätssicherung von antisemitismuskritischer Bildung und Beratung verschränkt und besser für die praktische Arbeit »übersetzt« werden.

 

Marina Chernivsky: »Ich wünsche mir, dass Jüdinnen und Juden mit diesem Wissen nicht noch einmal vereinheitlicht und zurück in die Opferkategorie geschoben werden, dass sie als Subjekte gedacht – nicht erinnert, sondern gedacht – werden.«

 

Fortsetzung der Reihe zum Berlin-Monitor

 

Die Veranstaltungsreihe der Landesantidiskriminierungsstelle (LADS), der Berliner Landeszentrale für politische Bildung und des Projektteams des Berlin-Monitors zu Ergebnissen aus drei Jahren Forschung wird am 22. Februar 2022 und am 26. April 2022, jeweils ab 15.00 Uhr fortgesetzt. Informationen dazu gibt es hier: Veranstaltungsreihen der Berliner Landeszentrale für politische Bildung - Berlin.de.

Orte der Erinnerung: Leningrad und Babi Jar

Online-Gespräch mit den Publizistinnen Katja Petrowskaja und Polina Aronson, Moderation Bettina Baltschev

Donnerstag, 27. Januar 2022, um 18 Uhr | Bericht von Edda Gehrmann

Katja Petrowskaja ist in Deutschland unter anderem durch ihre autobiografische Erzählung »Vielleicht Esther« bekannt geworden. (am)
Katja Petrowskaja ist in Deutschland unter anderem durch ihre autobiografische Erzählung »Vielleicht Esther« bekannt geworden. (am)

In einem Online-Gespräch der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt trafen am Donnerstag, 27. Januar 2022, die Schriftstellerin und Journalistin Katja Petrowskaja und die Soziologin und Publizistin Polina Aronson zusammen. Katja Petrowskaja (51) ist in Kiew aufgewachsen, die zehn Jahre jüngere Polina Aronson in Leningrad. Beide Frauen leben heute in Deutschland. Die Städte ihrer Kindheit liegen 1600 Kilometer weit entfernt voneinander, gehörten bis 1990 zu einem Land und trugen in der Sowjetunion den Titel »Heldenstadt«. Mit diesen Informationen leitete Moderatorin Bettina Baltschev, ebenfalls Journalistin und Schriftstellerin, den Abend ein. Leningrad, das wieder St. Petersburg heißt, und Kiew standen als Orte schwerer Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkrieges im Mittelpunkt des Gespräches. Die aktuelle Situation schwang dabei jedoch mit: An der Grenze zwischen Russland und der Ukraine spitzt sich ein Konflikt zu, der wieder zu einem Krieg in Europa führen könnte.  

 

Das Datum der Veranstaltung war nicht zufällig gewählt: Der 27. Januar ist nicht allein der bundesweite Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, der sich auf die Befreiung der Konzentrationslager in Auschwitz 1945 bezieht. Am 27. Januar 1944 gelang es der Roten Armee ein Jahr zuvor, die Blockade von Leningrad zu beenden. 872 Tage lang hatten deutsche Truppen die Stadt belagert. Etwa eine Million Menschen starben vor allem an Hunger und Kälte. In Babi Jar (ukrainisch: Babyn Jar), einem Tal, das heute mitten in der Stadt Kiew liegt, erschossen deutsche Nationalsozialisten und ihre Helfer 1941 innerhalb von zwei Tagen mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden. Es war das größte Einzelmassaker im Zweiten Weltkrieg auf europäischem Boden. 

 

Paulina Aronson: »Meine Großmutter verkörperte die Blockade mit ihrem Schweigen«

 

Welche Rolle spiel(t)en diese grausamen Ereignisse im Leben der Nachgeborenen Katja Petrowskaja und Polina Aronson? Welche Erinnerungen haben sie an die Orte ihrer Kindheit? Wurde über die Kriegserlebnisse gesprochen, die in beiden Familien Spuren hinterließen? Wie wird heute mit der Erinnerung an die Opfer umgegangen? Solchen Fragen ging die Veranstaltung nach, bei der die Gesprächsgäste mit sehr persönlichen Einblicken und Ansichten berührten. Ein großes Thema: Das Verstummen der Überlebenden. Für Polina Aronson verkörperte ihre Großmutter mütterlicherseits die Blockade von Leningrad mit ihrem Schweigen. Nur einmal, als amerikanische Freunde der Enkelin zu Besuch waren und danach fragten, fing sie an zu erzählen, wie sie als Schülerin zum Fluss gehen und Wasser aus einem Eisloch holen musste. Da sah Polina Aronson ihre Großmutter zum ersten Mal weinen. Das Tagebuch ihres Großvaters väterlicherseits lag jahrzehntelang »ein bisschen wie radioaktiver Müll« in einer Kiste auf einem Schrank. »Er wollte nicht, dass es noch zu seiner Lebenszeit gelesen wird«, sagt Aronson. Erst nach 2010, als auch die Großmutter verstorben war, lesen sie und ihre Mutter die Aufzeichnungen.

 

In der ideologisierten Version der sowjetischen Staatsführung wird Leningrad zu einer heldenhaften Stadt mit heldenhaften Menschen verklärt. Das Massengrab in Kiew wird dagegen lange Zeit offiziell totgeschwiegen. »Ich wusste, was während der Blockade in St. Petersburg, in Leningrad, passiert ist, wir hatten alle das Tagebuch von Tanja Sawitschewa gelesen. Für uns war diese Blockade viel näher als Babi Jar. In unserer Stadt, wo wir aufgewachsen sind, gab es darüber keine Zeile in keinem Lehrbuch«, sagt Katja Petrowskaja über die Zeit ihrer Kindheit Ende der 1970er, Anfang der 1980er-Jahre in Kiew. Bis heute vermisst sie ein würdiges Gedenken an die Menschen, die in Babi Jar ermordet wurden. »Man kann zu Babi Jar mit der U-Bahn fahren, und da wohnen gegenüber Menschen und da sind 100.000 Menschen getötet worden. Danach gab es nicht nur keine Erinnerung, sondern umgekehrt, die sowjetische Macht hat Ziegelfabriken gebaut und wollte die Landschaft ruinieren«, so Petrowskaja. Dass diese Erinnerung an die Opfer nicht stattgefunden hat, bezeichnet sie als »zweite Katastrophe.«

 

Katja Petrowskaja: »Es geht nicht nur um deutsche Schuld«

 

Mit der Perestroika unter Michail Gorbatschow kamen bislang nicht zugängliche Dokumente und Informationen ans Licht. Für Polina Aronson war es ein großer Schock zu lesen, dass Generaloberst Schdanow, der Gebiets- und Stadtsekretär der Parteiorganisation Leningrads, die rechtzeitige Evakuierung der Menschen verhindert hat und dass im September 1941 noch Vorräte aus der Stadt gebracht wurden. »Und dann kamen auch die ganzen Geschichten raus von den Parteibonzen, die auch in der Blockade Erdbeeren gegessen haben und sich gut amüsiert haben. Das konnte man erstmal auch nicht glauben«, sagt sie.

 

Die Begegnung mit den beiden Frauen war so reich an aufwühlenden Gedanken, dass vieles in diesem Rahmen nur angerissen werden konnte. Zum Beispiel der Umgang mit Schuld. Katja Petrowskaja: »Immer, wenn wir darüber reden, vergessen wir, dass es nicht nur um deutsche Schuld geht.« Dieses Thema werde total ritualisiert und das führe dazu, dass man überhaupt nicht verstehe, was im heutigen Russland passiert. »Es ist eine Tatsache, dass es einen Pakt gab. Schluss und Punkt. Und dass zwei Imperien einander die ganzen 30er-Jahre in diesen Krieg gestoßen haben.« 

 

Ein anderes Beispiel: die Gewichtung der Aufmerksamkeit für die Opfer. Polina Aronson kennt das Tagebuch der Anne Frank und das Tagebuch von Tanja Sawitschewa. Letzteres ist »ungefähr tausendmal kürzer als das Tagebuch von Anne Frank und besteht nur aus Todeseinträgen. Heute ist der gestorben, heute ist die gestorben, heute ist der Bruder gestorben, heute ist die Schwester gestorben und schließlich ist die Mutter weg.« Ihre ganze Kindheit lang hat Polina Aronson überlegt: »Wo wäre ich lieber gelandet – in Auschwitz oder in der Blockade in St. Petersburg? Was ist zerstörender für die eigene Seele: Zuhause sein und zu beobachten, wie dein Zuhause zugrunde geht oder weg von zu Hause sein, und dann ist es eigentlich schon alles egal, dann stirbst du irgendwo und bist einfach deinem Schicksal ausgeliefert.« Als sie nach Deutschland kam, das ist 13 Jahre her, hatte sie jedes Jahr beim Gedenken am 27. Januar das Gefühl, »dass der Anja die Ehre gegeben wird und die Tanja steht auf der Seite und keiner spricht von ihr. Das hat mich ehrlich gesagt sehr wütend gemacht. Deshalb freue ich mich auch, dass wir heute diese Brücke haben zwischen diesen zwei Geschichten.«

 

»Es wurden viele Dinge angesprochen. Nehmen wir dieses Gespräch als Ausgangspunkt, um weiterzudenken«, empfahl Bettina Baltschev, die mit ihren Fragen für Struktur im Gesprächsabend sorgte. Neue Impulse aufzunehmen und zu verfolgen ist ganz im Sinne von »Denken ohne Geländer«. »Mit dieser Veranstaltungsreihe versuchen wir auch, aus überkommenen Schemata herauszutreten«, so Katrin Reimer-Gordinskaya von der mitveranstaltenden Hochschule Magdeburg-Stendal. 

 

Hinweis: Studienfahrten der Landeszentrale für politische Bildung

 

Die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt bietet 2022 drei internationale Studienfahrten nach Treblinka, Auschwitz und Babi Jar für Pädagoginnen und Pädagogen an. Es geht darum, zu vermitteln, wie man diese Orte mit Jugendlichen erfahren kann. Darüber informierte die stellvertretende Direktorin Cornelia Habisch in ihrer Begrüßung zur Veranstaltung. Die Termine werden auf der Internetseite der Landeszentrale für politische Bildung veröffentlicht.

 

Mehr zum Thema:

Das Tagebuch von Tanja Sawitschewa (drb-ja.com)

Vor 80 Jahren: Massaker von Babyn Jar | bpb

Leningrad: "Niemand ist vergessen" | bpb

Die Blockade Leningrads - Fakten und Mythen | ZbE (zukunft-braucht-erinnerung.de)

Deutscher Bundestag - Granin: Überlebt haben die, die andere retten wollten

Rede des Schriftstellers Daniil Granin (1919 – 2017) am 27. Januar 2014 zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag

Welcome to Happyland

Live-Theaterperformance entlarvt alltäglichen Rassismus

Online-Veranstaltungen des Brandenburger Theaters bei »Denken ohne Geländer«

28. Januar 2022 um 10.00 Uhr und um 15.00 Uhr

Foto: Brandenburger Theater – Lucia Peraza Rios, Urban Luig und Michael Putschli in »Happyland«
Foto: Brandenburger Theater – Lucia Peraza Rios, Urban Luig und Michael Putschli in »Happyland«

Menschen diskriminieren – das machen nur Rassisten oder Rechtsextreme? Nicht ganz: Viele Menschen in Deutschland erleben tagtäglich Rassismus, oft sogar hinter Komplimenten versteckt. Unter dem Titel »Welcome to Happyland« zeigte das Brandenburger Theater am 28. Januar 2022 um 10.00 Uhr und um 15.00 Uhr eine Eigenproduktion, die das Thema Alltagsrassismus in den Mittelpunkt stellt. Die Live-Theaterperformance mit interaktivem Anteil auf der Kommunikationsplattform Zoom wandte sich insbesondere an ein junges Publikum, wurde aber auch von Erwachsenen im Nachgespräch interessiert reflektiert und auf eigene Erfahrungen bezogen. Viele Zuschauer äußerten Dank an die Schauspieler, weil sie nun sensibler in ihrer Umgebung auf subtilen Alltagsrassismus achten werden.

 

Von der Recherche über die Entwicklung eines künstlerischen Konzeptes bis zur Umsetzung auf der Bühne wurde das Projekt realisiert von Nora Bussenius (Regie), der Schauspielerin Lucia Peraza Rios und ihren Kollegen Michael Putschli und Urban Luig. Es basiert auf individuellen Geschichten, den Flucht- und Lebenserfahrungen der Teilnehmenden und wissenschaftlichen Fakten. 

 

Mit theatralen Gedankenspielen und dokumentarischen Zuspielungen entführt das Stück junge Menschen in eine virtuelle Welt, die fragt: Wie wollen wir zusammenleben? Durch spielerische Perspektivwechsel zwischen weißer Mehrheitsgesellschaft und von Diskriminierung betroffener Minderheiten wird auf Vorurteile, Zuschreibungen und Rassismus hingewiesen. Historische Einordnungen informieren über Rassenklassifizierung der Aufklärung, Kolonialismus, Völkermord, Diskriminierung durch Sprache und institutionalisierten Rassismus. Das Resultat ist poetisch, surreal, humorvoll, leidenschaftlich und argumentativ und lädt dazu ein, sich selbst zu erfahren und zu reflektieren. 

 

Urban Luig sagt über die Arbeit an »Welcome to Happyland«: »Schauspieler möchten gerne etwas ›bewirken‹. Unser Beitrag, den wir mit dem ›Geflüchteten Projekt Happyland‹ leisten, kann ganz direkt etwas bewirken. Denn hier können sich die Zuschauer zum Thema Rassismus äußern, das wir SchauspielerInnen in künstlerischer Form darstellen. Vielleicht bewirken schon unsere Präsentationen etwas bei dem einen oder anderen. Ganz sicher aber hinterlassen die Interaktionen einen nachhaltigen Eindruck. Ich persönlich lerne in der Auseinandersetzung mit dieser Thematik sehr viel dazu: In den Interviews, die ich führe, über andere Kulturen und über Lebenswege, die sich manchmal dramatisch von meinem eigenen unterscheiden – und sich manchmal erstaunlich ähneln. Ich sehe vor allem, wie wichtig es ist, jeden Menschen als einzigartiges Individuum anzusehen und sich dafür immer wieder zu sensibilisieren.«

 

Die Produktion des Brandenburger Theaters wird von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt unterstützt. Anmeldungen für Schulklassen und Einzelpersonen unter info@denken-ohne-gelaender.de

 

 

Hauptquelle für diesen Text war das Programmheft des Brandenburger Theaters.

Es empfiehlt folgende Bücher, die wichtige Impulse für das Stück lieferten:

 

exit RACISM

rassismuskritisch denken lernen

Tupoka Ogette

Unrast Verlag

ISBN: 978-3-89771-230-0

 

Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten

Alice Hasters

Hanserblau in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG

ISBN: 978-3-446-26425-0

 

Eure Heimat ist unser Albtraum

Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah (Hrsg.)

Mit Beiträgen von Sasha Marianna Salzmann, Sharon Dodua Otoo, Max Czollek, Mithu Sanyal, Margarete Stokowski, Olga Grjasnowa, Reyhan Şahin, Deniz Utlu, Simone Dede Ayivi, Enrico Ippolito, Nadia Shehadeh, Vina Yun, Hengameh Yaghoobifarah und Fatma Aydemir

Ullstein Verlag

ISBN 9783961010363

Erinnern im Wandel

Themenrundgang zum NS-Gedenken mit Andreas Froese

»NS-Gedenken und -Erinnern nach 1945 im zeitlichen Wandel« widmet sich ein öffentlicher Rundgang durch das Außengelände der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen am Sonntag, 30. Januar 2022 um 11 Uhr. 

Andreas Froese, Leiter der Gedenkstätte, führte durch das Gelände (am)
Andreas Froese, Leiter der Gedenkstätte, führte durch das Gelände (am)
Nach dem Rundgang besichtigten die Besucher*innen die Dauerausstellung (am)
Nach dem Rundgang besichtigten die Besucher*innen die Dauerausstellung (am)

Die Gedenkstätte bei Gardelegen erinnert an das Massaker in der Isenschnibber Feldscheune vom 13. April 1945 an 1.016 KZ-Häftlingen kurz vor Kriegsende. Die Ermordeten dieses Todesmarschverbrechens sind dort auf einem Ehrenfriedhof beigesetzt. Unter Begleitung von Gedenkstättenleiter Andreas Froese besichtigten die Teilnehmenden des Themenrundgangs die Gedenkzeichen im Außengelände. Dabei begaben sie sich auf eine Spurensuche zur Geschichte der Gedenk- und Erinnerungskultur von 1945 bis in die Gegenwart. 

 

Andreas Froese stellte an Hand der sich stets verändernden Gestaltung des Außengeländers anschaulich dar, wie sich auch Gedenkkultur und politische Bildungsarbeit im Verlaufe der Jahrzehnte veränderten. Die erste große Aufarbeitung, Dokumentation und Zeitzeugenbefragung fand durch alliierte Behörden der US-Armee statt, die zwei Tage nach dem Verbrechen den Tatort entdeckten. Sie konfrontierten die Gardelegener Bevölkerung mit den Resten der Gräueltaten und sorgen für eine internationale Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. Zu DDR-Zeiten kamen Befestigungen, bauliche und künstlerische Gestaltungen im Gelände hinzu. Viele und regelmäßige Gedenkveranstaltungen legten den Schwerpunkt unter allen Opfergruppen vor allem auf antifaschistische Widerstandskämpfer. Seit dieser Zeit bis heute gibt es etliche Bürger aus Gardelegen, die sich um die Pflege des Ehrenfriedhofes kümmern. Mit dem Bau des Dokumentations- und Ausstellungszentrums, dass 2020 feierlich eingeweiht wurde, steht nun ein hervorragender Lernort in der Altmark zur Verfügung. Aus verschiedenen Perspektiven auf konkrete Täter- und Opfergeschichten wird das Verbrechen durch multimediale, künstlerische Gestaltungselemente eindrücklich veranschaulicht und in historische und gesellschaftliche Kontexte eingeordnet.

 

Nach der Führung nutzten die Besucher*innen die Gelegenheit zum individuellen Besuch des Dokumentationszentrums mit der Dauerausstellung »Gardelegen 1945. Das Massaker und seine Nachwirkungen.« 

 

Anmeldung bei der Gedenkstätte sind ganzjährig telefonisch oder per Mail unter anmeldung-isenschnibbe@erinnern.org möglich. Informationen unter www.gedenkstaette-gardelegen.sachsen-anhalt.de.

EXKURSION BERNBURG

Studierende des Stuve e.V. laden in die Gedenkstätte Bernburg ein

Dienstag 1.2., 9 Uhr / Exkursion der Hochschule Magdeburg-Stendal

Sammlung der Dauerausstellung Gedenkstätte Bernburg (Foto Gedenkstätte)
Sammlung der Dauerausstellung Gedenkstätte Bernburg (Foto Gedenkstätte)
Gebäude des ehemaligen „Euthanasie“-Anstalt im Klinikum Bernburg, in dem sich heute die Gedenkstätte befindet (Foto Gedenkstätte)
Gebäude des ehemaligen „Euthanasie“-Anstalt im Klinikum Bernburg, in dem sich heute die Gedenkstätte befindet (Foto Gedenkstätte)

Im Fachklinikum Bernburg wurden ab 1940 bis 1943 systematisch Menschen von medizinischem, psychiatrischem und pflegerischem Fachpersonal ermordet. Die sogenannte Euthanasie von Menschen mit Behinderungen und aus Pflegeeinrichtungen wurde in der NS-Ideologie als Maßnahme zur Gesundung des Volkskörpers legitimiert. Mittlerweile ist die Tötungsanstalt zu einer Gedenkstätte umgestaltet worden. Eine Exkursion dorthin, organisiert durch den Stendaler Stuve e.V. der Hochschule Magdeburg-Stendal, findet am 1. Februar im Rahmen von »Denken ohne Geländer« statt.

 

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren fanden auch ihre sogenannten rassenideologisch orientierten Vorgehensweisen immer mehr Zugang in die breite Bevölkerung. Spätestens mit dem Erlass des »Gesetztes zur Verhütung erbkranken Nachwuchs« von 1933 wurde die systematische Erfassung und Verfolgung von Menschen mit Behinderungen und psychischen sowie körperlichen Einschränkungen vorangetrieben. Ab 1940 war das Klinikum Bernburg, als eine von sechs »Euthanasie«-Anstalten in ganz Deutschland maßgeblich an der Ermordung tausender Menschen beteiligt. Dabei wurden innerhalb drei Jahren rund 14.000 Menschen mit psychischen Erkrankungen, sowie vorrangig Personen aus Heil- und Pflegestätten in Bernburg vergast.

 

Heute stellt das Fachklinikum eine Anlaufstelle für Psychiatrie und Psychotherapie dar. Die Gedenkstätte auf dem Gelände bietet einen thematischen Workshop zu »Euthanasie, Zwangssterilisation und Pflege« an, welcher in Gruppen bei der Stendaler Exkursion gearbeitet wird. Im Anschluss werden gemeinsam Reste der Tötungsanstalt besichtigt. Das Angebot richtet sich vor allem an Studierende aus dem humanwissenschaftlichen Bereich, die sich mit den historischen Entwicklungen ihrer Professionen auseinandersetzen möchten. Aber auch alle Nicht-Studierenden sind herzlich eingeladen, an der Exkursion teilzunehmen. 

 

Anmeldungen erfolgen bitte bis zum 28. Januar an stuve-stendal@h2.de. Die Kosten der gemeinsamen Anfahrt mit dem Zug werden vom StuVe getragen. Nach momentanen Regelungen wird ein Besuch nur unter der 2-G-Prämisse möglich sein. Weitere Infos bezüglich der Fahrt erfolgen nach der Anmeldung per E-Mail.

Wegen Krankheit auf März 2022 verschoben:

Zeit.Zeugen: Baseballschlägerjahre

Gesprächsrunde über rechte Radikalisierungen und Gewalt in den 1990er Jahren

Begleitend zur TdA-Inszenierung »Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß«

Freitag 30.3., 19.30 Uhr / Theater der Altmark, Kaisersaal

Foto: Martin Neuhof | Heike Kleffner moderiert den Abend über Entwicklungslinien rechter Gewalt.

Foto: Alena Schmick | Die Soziologin Katharina Warda spricht in Stendal über Rassismuserfahrungen.


Die 90er Jahre waren von tiefgreifenden Transformationserfahrungen geprägt. Für Ostdeutsche bedeutete der Umbruch einerseits neue Hoffnungen, andererseits waren Rassismus, offener Antisemitismus und rechte Gewalt allgegenwärtig. Wie haben Betroffene und junge Menschen diese Zeit erlebt? Wo sind die Kontinuitäten dieser Gewalterfahrungen bis heute sichtbar? 

 

Moderiert wird der Abend von Heike Kleffner, Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt e.V.. Sie ist u.a. Mitherausgeberin der Sammelbände »Fehlender Mindestabstand: Die Coronakrise und die Netzwerke der Demokratiefeinde« sowie »Extreme Sicherheit: Rechtsradikale in Polizei, Bundeswehr, Justiz und Verfassungsschutz«. 

 

Eingeladen hat sie die Soziologin und Literaturwissenschaftlerin Katharina Warda, die über eigene Rassismuserfahrungen in ihrer Heimatstadt Wernigerode in den Nachwendejahren berichtet. Sie erzählt mit ihrem Projekt »Dunkeldeutschland« von den sozialen Rändern der Nachwendezeit und beleuchtet blinde Flecken deutscher Geschichtsschreibung. Seit der Wende erlebte sie Rassismus, Klassismus und Abwertungen als Ostdeutsche.

 

Desweiteren spricht Antje Arndt, Projektleitung der Mobilen Opferberatung in Sachsen-Anhalt. Antje Arndt, 44 Jahre alt, aufgewachsen in Halle-Neustadt, arbeitet seit 2007 bei der Mobilen Opferberatung – Unterstützung für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt und ist ehrenamtlich unter anderem für den Flüchtlingsrat Sachsen-Anhalt als Mitglied der Härtefallkommission aktiv.

 

Gemeinsam wird den Entwicklungslinien von Rassismus und Antisemitismus bis in die heutige Zeit nachgegangen, denn nicht nur in Sachsen-Anhalt ist zu beobachten, dass die jungen Schläger von damals heute zu den Protestmarschierenden von Pegida und der Querdenkerszene gehören. 

 

Über Fragen und eigene Erfahrungen zur Nachwendezeit und aktuellen rechten Radikalisierungsprozessen wollen die Referierenden mit dem Publikum ins Gespräch kommen. 

 

Kostenfreie Karten an der Theaterkasse oder unter 03931 – 63 57 77.

Fotonachweis: Die Fotos wurden von Volker Brahms (vb), Magdalena Burkhardt (mb), Mohannad Imbrahimkahilo (mi), Edda Gehrmann (eg), Kerstin Jana Kater (kk), Claudia Klupsch (ck), Aud Merkel (am) und Annika Path (ap) erstellt.