Sonnabend 17.1.2026, 19.30 Uhr / Theater der Altmark, Kleines Haus – Stückeinführung um 19 Uhr
Schauspiel von Thomas Jonigk nach dem gleichnamigen Roman von Klaus Mann
© Fotos: Nilz Böhme
Wenn dich erst der Teufel packt, wirst du ausgeliefert nackt.
Die Goldenen Zwanziger, eine Zeit für Karrieristen und Verlierer. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben. Die Menschen suchen Zuflucht. Wer kann im Exzess, wer muss in der Ideologie. Heilsversprechen, Aberglaube, Wahnsinn aller Orten und überall die nackte Not. Die Stunde der Artisten schlägt. Fast schlafwandlerisch spaziert der Schauspieler Gustaf Gründgens unbeschadet über die Abgründe seiner Zeit. Den in Kulturkreisen schicken Flirt mit dem Bolschewismus beherrscht er bravourös – stets mit Verve, aber unverbindlich. Während er in der Rolle des Mephisto deutschlandweit Bühnenerfolge feiert, haben längst Politclowns die Macht an sich gerissen, die alles sind, nur eins nicht: lustig. Schluss mit den Flirts und der Unverbindlichkeit. Opposition kostet den Kopf, mindestens die Karriere. Gründgens sieht nur einen Weg, seinen Erfolg zu retten – einen Pakt mit den ganz realen Teufeln.
In einundzwanzig knappen, aber äußerst prägnanten Bildern entwirft Thomas Jonigk einen teuflischen Reigen aus Ehrgeiz, Gewissenlosigkeit und Opportunismus. Er trifft damit einen wunden Punkt. Denn selten artikulierte sich der Wunsch nach Selbstbehauptung und Konformismus schriller und misstönender als dieser Tage.
Die Veranstaltung ist bereits ausgebucht.
Weitere Vorstellungen unter: www.tda-stendal.de/spielplan
Sonntag, 18.1.2026, 14 Uhr / Café »bohne & praline«, Markt Stendal
Ein Nachmittag mit der Geschichtswerkstatt Stendal und Zeithistoriker Wolfgang Benz
Die Geschichtswerkstatt Stendal e.V. gestaltete am 18. Januar gemeinsam mit dem renommierten Zeithistoriker Prof. Dr. Wolfgang Benz einen Nachmittag zum Schwerpunkt »Flucht und Exil« während des
Nationalsozialismus. Einführend gab Dorothea Knauerhase von der Geschichtswerkstatt Einblick in ihre Recherchen über jüdische Stendalerinnen und Stendaler, denen es trotz widriger Umstände
gelang, zu fliehen und so ihr Leben zu retten.
Verschärfte politische und wirtschaftliche Repressionen der Nationalsozialisten führten ab 1938 dazu, dass die Flucht aus Deutschland für Jüdinnen und Juden immer schwerer wurde. Der NS-Staat
schöpfte gnadenlos alle Werte aus ihrem Eigentum ab und behinderte den Transfer von jüdischem Vermögen ins Ausland. Fast alle Staaten der Welt schlossen für die nun mittellosen Flüchtlinge ihre
Grenzen und führten strengste Regelungen ein. In der Veranstaltung nachgezeichnet wurde der Weg der Stendaler Familien Grünberg und Becka. Samuel Grünberg, der ein Möbel- und Konfektionshaus im
Schadewachten 32a betrieb, floh 1938 mit seiner Frau Regina nach Palästina. Sohn Albrecht gelang 1941 die Einreise in die USA. Der Einzelhandelskaufmann Harry Becka musste 1938 sein Geschäft für
Leder und Textilien in Breite Straße 32 verkaufen und schaffte 1939 mit seiner Familie die Ausreise nach Argentinien.
Diese Menschen aus Stendal zählen zu den Hunderttausenden, die zwischen 1933 und 1945 aus Deutschland vertrieben wurden – sei es, weil sie Juden waren oder Gegner des Naziregimes. Der renommierte
Zeithistoriker Prof. Dr. Wolfgang Benz sprach als einer der besten Kenner des Themas während der Veranstaltung über die Geschichte dieser gewaltigen Fluchtbewegung und was Flucht und Exil für die
Menschen bedeuten. Er gilt als international anerkannter Experte für Antisemitismusforschung, Vorurteilsforschung und die Geschichte des Nationalsozialismus. In seinem aktuellen Werk »Exil«
zeichnet er »minutiös die Etappen und Orte des Exils nach, die oft demütigenden Umstände der Visabeschaffung und die schwierigen Lebensbedingungen als Fremde und häufig Unwillkommene in einem
anderen Land. Dabei gibt er den ›Berühmtheiten‹ wie Hannah Arendt, Sigmund Freud oder Thomas Mann eine Stimme, vor allem aber auch Menschen, denen sonst nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wird«,
heißt es im Verlagstext dazu.
Text und Fotos: Edda Gehrmann
Weitere Informationen:
Exil | Benz, Wolfgang | Hardcover
www.geschichtswerkstatt-stendal.de
Montag, 19.1.2026, 11 Uhr / Wandelhalle im Stendaler Stadthaus Markt 14/15
Ausstellungseröffnung: Schülerinnen und Schüler präsentieren deutsch-französisches Geschichtsprojekt
Im Frühjahr 2025 beschritten junge Menschen aus Deutschland und Frankreich gemeinsam »Wege der Erinnerung – Les chemins de la mémoire« auf den Spuren nationalsozialistischer Verbrechen. Das Geschichtsprojekt des Berufsschulzentrums (BSZ) Stendal »Europaschule« und des Lycée Martin Nadaud in Saint-Pierre-des-Corps führte Lernende und Lehrende u.a. auf einer Studienfahrt an historische Orte in Berlin, Prag und Krakau. So lernten sie z. B. in Berlin die Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz sowie Denkmäler und historische Stätten des Dritten Reiches kennen, erkundeten das jüdische Prag und besuchten in Krakau das ehemalige Ghetto, die Fabrik von Oskar Schindler und das nahegelegene KZ Auschwitz-Birkenau.
Im Fokus des Projektes standen die Themen Indoktrination, Propaganda, Holocaust und der Deutsche Widerstand. Die gemeinsame Reise schlug ganz bewusst auch immer wieder den Bogen in die Gegenwart
und zur Bedeutung von Toleranz, Respekt und Demokratie. Die Jugendlichen hielten ihre faktische und emotionale Auseinandersetzung mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte in Bildern und
Notizen fest. Auf dieser Basis und nach weiteren Recherchen, ergänzt mit historischen Fotos, entstand eine Ausstellung. Sie beinhaltet auch Erkenntnisse aus einem regionalen Folgeprojekt, bei dem
Lernende der beiden Schulen aus Stendal und Saint-Pierre-des-Corps sich mit jüdischem Leben in der Region Stendal beschäftigten und die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe in Gardelegen
besuchten. Exemplarisch für die Millionen Opfer während der nationalsozialistischen Herrschaft untersuchten sie die Biografie der deutschen Jüdin Emmy Wolff, die 1933 vor den Nazis nach
Frankreich floh, dort später gefangenengenommen, nach Auschwitz deportiert und ermordet wurde.
Die Ausstellung »Wege der Erinnerung – Les chemins de la mémoire« wird im Rahmen von »Denken ohne Geländer« vom 19. Januar bis zum 13. Februar 2026 in der Wandelhalle des Stadthauses 1 Stendal
gezeigt. Bei der Eröffnung am Montag, 19. Januar 2026, waren u.a. Stendals Oberbürgermeister Bastian Sieler sowie Schülerinnen und Schüler vom Berufsschulzentrum Stendal, Landrat Patrick Puhlmann
und Thomas Stübing von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt dabei. Die musikalische Umrahmung übernahmen Antje Donnerstag und Katarzyna Szydlowska von der Musik- und
Kunstschule Stendal.
Text: Edda Gehrmann
Montag, 19.1.2026, 18 Uhr / Kleine Markthalle, Stendal
Filmabend mit Austausch im Nachgespräch

Die Geschichtswerkstatt Stendal lädt am Montag, 19. Januar, um 18.00 Uhr zu einem Filmabend in die Kleine Markthalle Stendal ein. Im Rahmen von »Denken ohne Geländer« wird »Golda – Israels eiserne Lady« aus dem Jahr 2023 gezeigt.
Golda Meir (1898–1978) war von 1969 bis 1974 israelische Premierministerin und die erste Frau in diesem Amt. Der Film des israelischen Regisseurs Guy Nattiv, der auch dokumentarisches Material
verwendet, konzentriert sich auf ihre Rolle während des drei Wochen andauernden Jom-Kippur-Krieges. Israel wurde am 6. Oktober 1973 von Ägypten und Syrien überfallen. Der Überraschungsangriff
erfolgte am höchsten jüdischen Feiertag, Jom Kippur.
Oscar-Preisträgerin Helen Mirren spielt die unter enormen Druck agierende, entschlossene Regierungschefin, die zur gleichen Zeit gegen eine Krebserkrankung kämpft. Mit ihrem von Männern
dominierten Kabinett versucht die damals 75-jährige, eine erfolgreiche Verteidigung aufzubauen und verhandelt gleichzeitig diplomatisch mit den USA. »Gefangen zwischen dem Wunsch, Blutvergießen
zu verhindern, und der politischen Verantwortung gegenüber Israel muss Golda Meir Entscheidungen treffen, von denen unzählige Menschenleben auf beiden Seiten abhängen«, schreibt der Weltkino
Filmverleih zum Inhalt. Rahmenhandlung für den Film ist der Untersuchungsausschuss, vor dem sich Golda Meir nach dem Jom-Kippur-Krieg für ihre Entscheidungen verantworten musste.
Der bewegende Film über eine starke Frau wird als Beitrag zur historischen Aufarbeitung und als intensives Charakterporträt gewürdigt, löste aber unterschiedliche Reaktionen aus. Nach der
Vorführung widmet sich eine Diskussion der Einordnung des Films, seinen Leerstellen und aktuellen Bezügen. Eintritt frei.
Dienstag, 20.1.2026, 19 Uhr / Katharinenkirche Stendal
Konzert mit Songs, Zitaten und Originaltönen
© Foto: Claudia Rorarius
Zwei Jahre hat Masha Qrella ihr Konzert mit Thomas-Brasch-Texten nicht mehr gespielt. Für das Stendaler Publikum legten es die Berlinerin und ihr Musikerkollege Andreas Bonkowski am 20. Januar 2026 in der Katharinenkirche wieder auf, denn die Veranstalter von »Denken ohne Geländer« wollten sie mit genau diesem Programm in Stendal haben. 90 Gäste ließen sich von der Künstlerin begeistern, die mit ihren Vertonungen einen neuen Zugang zu einer der eigenwilligsten Stimmen der deutschen Nachkriegsliteratur der zweiten Generation eröffnet hat.
Thomas Brasch, geboren 1945 als Sohn jüdischer Emigranten in England, aufgewachsen in der DDR, war ein lebenshungriger Poet, Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur, der 1976 nach
Publikationsverboten in »den Westen« ging und sich an beiden gesellschaftlichen Systemen rieb. Er sehnte sich nach einem Land, das seinen Idealen von Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Freiheit
standhielt. »Bleiben, wo ich nie gewesen bin« – eine seiner bekanntesten Zeilen – ordnet sich in diesen Kontext ein.
Mit Leichtigkeit nahmen Masha Qrella und Andreas Bonkowski das Publikum in der Katharinenkirche mit in die Welt seiner Lyrik, die sie in ihrem eigenen Stil musikalisch interpretierten, mal melancholisch-verträumt, auf elektronischen Sounds leicht schwebend, mal mit treibenden Beats und kraftvollen E-Gitarren. Atmosphärische, teils mystische Klangteppiche ließen die Worte innerlich nachklingen: »Wo ist man woanders und wo ist man anders“ … „Ich tausche ein offenes Meer für meine letzten Gedanken« … »Wer geht wohin weg, wer bleibt warum wo«… Masha Qrella sang und las mit unverstellter, klarer Stimme die Texte von Thomas Brasch und der Dichter kam in originalen Tondokumenten selbst zu Wort.
Der »Denken ohne Geländer«-Abend in Kooperation mit der Hansestadt Stendal gab Anregungen zum Nachsinnen, Nachlesen, Nachhören mit nach Hause. Das gilt für Thomas Brasch und Masha Qrella.
Text und Veranstaltungsfotos: Edda Gehrmann
Donnerstag, 22.1.2026, 18 Uhr / Salzkirche Tangermünde
Vorträge über Mitglieder der Jüdischen Kaufmannsfamilie Conitzer
Eine Veranstaltung von »Denken ohne Geländer« in der Tangermünder Salzkirche beleuchtete am 22. Januar die Geschichte des Warenhauskonzerns M. Conitzer & Söhne vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Zerschlagung durch die Nationalsozialisten in den 1930er-Jahren. Kaufhaus-Standorte gab es auch in Stendal, Tangermünde und Tangerhütte, in Brandenburg und Rathenow. Conitzer-Nachfahrin Valentina Holt, ihr Mann Sven Heine und die Tangermünderin Petra Hoffmann berichteten in drei Vorträgen über ihre Forschungsergebnisse und nahmen dabei auch den Kampf der überlebenden Familienmitglieder um Rückererstattung in den Blick.
Alfred und Erna Conitzer schauen zu, als ihre Urenkelin Valentina Holt darüber spricht, wie ihre Urgroßeltern von den Nationalsozialisten systematisch ausgeplündert und aus Deutschland vertrieben
wurden. Die Porträtfotos auf dem Klavier in der Salzkirche zeigen sie in ihren besten Jahren. Alfred Conitzer (1881–1951) war Mitinhaber von fünf großen Warenhäusern, u.a. in Brandenburg und
Rathenow und gründete viele weitere Standorte, u.a. das Epege (Einheitspreisgeschäft) in Stendal in der Breiten Straße 51. 1937, vier Jahre nach Hitlers Machtübernahme in Deutschland, war seine
Firma gelöscht und die einstigen Conitzer-Kaufhäuser waren »arisiert«, sprich: unter Zwang und weit unter Wert an arische Besitzer verkauft worden. Das gesamte Vermögen des Ehepaars wurde
beschlagnahmt und auf Sperrkonten gelegt. »Ab August 1939 stand ihnen monatlich nur noch ein begrenzter Geldbetrag zur Verfügung. Die Freigrenze lag unter 300 Reichsmark im Monat. Für größere
Anschaffungen brauchten sie eine Genehmigung«, sagte Urenkelin Valentina Holt in ihrem Vortrag. Sie schilderte am Beispiel ihrer »Uroma Erna« und ihres »Uropas Alfred«, wie der NS-Staat die
Migration jüdischer Menschen nutzte, um sie wirtschaftlich auszurauben. Die beiden entschieden sich erst spät – fast zu spät – auszureisen.
Vom Lebenswerk blieben 4,50 Dollar übrig
Am Beispiel ihrer Urgroßeltern machte Valentina Holt auch klar, dass das Überleben jüdischer Menschen in den 1930er-Jahren von ihrem Bankkonto abhing: Reichsfluchtsteuer und Judenvermögensabgabe
beliefen sich für ihre Urgroßeltern auf 129.000 Reichsmark, Gepäck und Reisekosten auf 43.000 Reichsmark. Die Räumung des Wohnhauses der Familie in Berlin wurde von den Behörden überwacht.
Packlisten waren zur Vorabgenehmigung einzureichen, mitgenommen werden durfte nur, was vor 1933 gekauft worden war. Am Ende hatten Erna und Alfred Conitzer noch 126.000 Reichsmark übrig. Nach dem
teuren Transfer in Dollar blieben ihnen davon bei ihrer Abreise aus Deutschland am 5. September 1941 ganze 3000 Dollar. Am 10. Oktober 1941 kamen sie mit 4,50 Dollar in der Tasche in der
bolivianischen Hauptstadt La Paz an. Warum dieses Land?
Auf dem Klavier in der Salzkirche steht auch ein Foto von Gerhard Conitzer und seiner Frau Yolanda, aufgenommen in Bolivien. Gerhard – Gert – Conitzer war Ernas und Alfreds Sohn, Valentina Holts
Großvater. Er wurde 1938 während der Reichspogromnacht in Rathenow verhaftet und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Seine Eltern konnten ihn nach fünf Wochen für 100.000 Reichsmark freikaufen mit der
Auflage, das Land zu verlassen. Gert Conitzer floh nach Bolivien, in eines der wenigen Länder, das nach Beginn des Zweiten Weltkrieges noch Einreisevisa gewährte. 1941 hatte er sich dort
eingelebt und geheiratet. Nun nutzte er seine Kontakte, um ein Visum für seine Eltern zu beschaffen. Sie entkamen im letzten Moment: Wenige Tage nach ihrer Ankunft in Bolivien trat ein generelles
Ausreiseverbot für alle jüdischen Menschen im Deutschen Reich in Kraft.
Arthur und Gertrud Conitzer mit ihrer Tochter Ruth (r.) und Dora Bernhard, einer Freundin der Familie. © Fotograf Heinz
Bernhard
Conitzer-Lieferwagen © Foto: Stadtmuseum Brandenburg
© Foto: Kaufhaus Conitzer & Co. in Tangermünde
© Foto: Ursula Conitzer aus ihrer Einbürgerungsurkunde in Israel
Langer Kampf um Rückgabe und Entschädigung
»Meine Urgroßeltern hatten das Glück zu überleben, aber es bedeutete für sie einen kompletten sozialen Abstieg«, verdeutlichte Valentina Holt. Alfred Conitzer war zu dieser Zeit 60 Jahre alt,
ohne Sprachkenntnisse und mittellos. Der einst erfolgreiche und angesehene Geschäftsmann musste bei null anfangen, abhängig von der Unterstützung seines Sohnes. Zudem setzte das ungewohnte Klima
der Gesundheit von Alfred und Erna Conitzer zu.
Eine Entschädigungszahlung von Deutschland erlebten sie trotz zahlreicher Anträge von Erna Conitzer nicht mehr. Ihr Mann starb bereits 1951. Zwar war es in den westlichen Besatzungszonen ab 1945
möglich, Anträge auf Rückgabe oder Entschädigung für geraubtes Vermögen zu stellen, aber erst ab 1953 begann die Bundesrepublik, ein einheitliches Entschädigungssystem aufzubauen. Die Prozesse
zogen sich über viele Jahre hin, wie sowohl Valentina Holt als auch Petra Hoffmann in ihren Vorträgen berichteten, denn die Beweislast lag bei den Vertriebenen und Bestohlenen. Bei ihrer Ausreise
durften sie jedoch keine Dokumente mitnehmen. Im Falle von Alfred und Erna Conitzer waren – wie bei vielen anderen auch – sämtliche Nachweise in Deutschland durch Kriegsereignisse verbrannt. 1959
wurde erstmals eine Entschädigung an Gerhard Conitzer gezahlt. Es folgten weitere Zahlungen bis 1964. Mehrere Anträge blieben jedoch ergebnislos. »Mein Opa war schon bettlägerig und konnte keine
Formulare mehr ausfüllen, die weiterhin verlangt wurden«, sagte Valentina Holt. Er starb 1983.
Holocaust-Überlebende muss Listen und Quittungen vorlegen
Weitere Bilder stehen auf dem Klavier: Gertrud Conitzer, die ihrem Mann Arthur lachend den Arm um die Schultern legt, Porträts ihrer Töchter Ruth und Ursula. Arthur Conitzer (1874–1943) eröffnete
zu Beginn der 1920er-Jahre ein Kaufhaus in Tangermünde, das er gemeinsam mit seiner Frau Gertrud betrieb, zunächst in der Langen Straße 35, dann in der Langen Straße 41. Ihre Tochter Ursula
überlebte als einzige den Holocaust durch Flucht nach Palästina, bezahlt von ihren Eltern. Für die eigene Ausreise hatten sie später nicht mehr genug Geld. Die Ausplünderung der Tangermünder
Familie Conitzer lief nach demselben System ab wie bei Alfred und Erna Conitzer. Petra Hoffmann fand im Landesarchiv Berlin heraus, dass Ursula Frankenstein (geb. Conitzer) viele Jahre um das
gestohlene Eigentum ihrer Eltern Arthur und Gertrud Conitzer prozessierte. Die ersten Verfahren fanden 1955 statt. In den drei Prozessen ging es um die Rückerstattung von Edelmetall- und
Schmuckgegenständen, um die Rückerstattung von zwei Lebens- und einer Todesfallversicherung und um die Rückerstattung eines Bankkontos ihrer Eltern. Für jeden Bereich mussten einzelne Anträge
gestellt werden, und es folgten viele weitere Prozesse, beispielsweise 1958 um die Rückerstattung der Wohnungseinrichtung von Arthur und Gertrud Conitzer.
Detaillierte Listen wurden verlangt, Quittungen, Kaufdaten, teilweise sogar Zeichnungen, berichtete Petra Hoffmann. In kalter Behördensprache wurden Anträge zurückgewiesen: »…über den
Entziehungsvorgang enthält die Erklärung der Antragstellerin nur eine auf die Gewissenhaftigkeit der Eltern gegründete Vermutung, die jedoch nicht ausreicht. Da nach Lage des Falles hierüber
keine weiteren Erklärungen zu erwarten sind, erscheint der geltend gemachte Anspruch unbegründet.« Nach langwierigem Prozessieren gezahlte Entschädigungen, so legte Petra Hoffmann dar,
entsprachen oft dem gestohlenen Wert nicht ansatzweise.
Bürgermeister: »Es tut mir wahnsinnig leid«
Tangermündes Bürgermeister war nach den Vorträgen entsetzt, »wie die das damals wirklich systematisch auf bürokratischem Weg gemacht haben«. Er fühle sich, auch wenn er damit nichts zu tun habe,
»wahnsinnig betroffen«. Steffen Schilm wendete sich direkt an Valentina Holt und bat sie um Verzeihung. »Es tut mir wahnsinnig leid«, sagte er und umarmte sie unter dem Applaus des Publikums.
Dass sie dennoch in Deutschland lebe und die Geschichte ihrer Familie aufarbeite, dafür zollte er ihr Respekt. »Genau das ist ja auch das Ziel von Denken ohne Geländer«, betonte Steffen Schilm,
»aufzudecken und zu zeigen: Sowas darf nicht wieder passieren.«
Valentina Holt, die 20 Jahre in Bolivien gelebt hat, vor 25 Jahren zum Studium nach Deutschland gekommen und geblieben ist, beeindruckte an diesem Abend angesichts des schweren Unrechts, das
ihrer Familie widerfuhr, mit ihrer positiven, versöhnlichen Ausstrahlung. In den Schlussgedanken zu ihrem Vortrag sagte sie: »Meine Vorfahren hatten es schwer, zu überleben, umso mehr schätze ich
mein Leben. Und ich bin sehr dankbar, denn ohne deren Entscheidungen stünde ich heute nicht hier. Mögen wir weiter alle in Frieden leben, indem wir, wie mein Opa sagte, uns gegenseitig helfen.«
Text und Veranstaltungsfotos: Edda Gehrmann
Freitag, 23.1., 18.30 Uhr / Winckelmann-Buchhandlung, Stendal
Natan Sznaider spricht über Gabriele Tergit und ihre Reportagen aus Palästina
Buchcover »Im Schnellzug nach Haifa«, Verlag Schöffling & Co.
Im vergangenen Jahr war der in Deutschland geborene israelische Soziologe Natan Sznaider mit seinem Buch »Die jüdische Wunde« zu Gast bei »Denken ohne Geländer«. 2026 kam er nach Stendal, um über die Berliner Journalistin und Schriftstellerin Gabriele Tergit (1894–1982) zu sprechen, insbesondere über ihre Reiseschilderungen und Porträts, die Schöffling & Co. unter dem Titel »Im Schnellzug nach Haifa« 2024 neu aufgelegt hat. Sznaiders Forschungsthemen sind jüdische Identität, deutsch-jüdische Geschichte, Exil und Diaspora – Tergits zeitgenössische, detailreiche Berichte aus dem Palästina der 1930er-Jahre, lange vor der Staatsgründung Israels, eine Fundgrube für den Soziologen.
In der Winckelmann-Buchhandlung, die »Denken ohne Geländer« schon lange unterstützt, sich aber erstmals als Veranstaltungsort beteiligte, legte Natan Sznaider seine Sicht auf Gabriele Tergit dar.
Dabei zog er stellenweise Parallelen zu Hannah Arendt und Mascha Kaléko. Anders als Mascha Kaléko sei Tergit, die eigentlich Elise Hirschmann (später Reichenberg) hieß, keine Dichterin gewesen.
Ihr Stil der neuen sachlichen Literatur werde oft mit Kästner verglichen. »Bei Tergit wird die Wirklichkeit nicht verklärt«, so Sznaider.
Flucht aus Berlin nach Palästina
Zuerst nahm er das Publikum mit in ihre Berliner Welt vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Die Journalistin ist tief verbunden mit der Stadt, in der sie sich als Gerichtsreporterin
einen Namen macht. Ihr erster Roman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm«, ein Berlinroman und Porträt des Presse- und Kulturbetriebes in der deutschen Hauptstadt gegen Ende der Weimarer
Republik, erscheint 1931 und wird ein Bestseller. Ihre Freunde sind u.a. Kurt Tucholsky, Theodor Wolff und Carl von Ossietzky. »Die Nazis mögen überhaupt nicht was sie schreibt«, sagte Sznaider.
Schon 1933, kurz nach der Machtübernahme, muss Gabriele Tergit nach akuter Bedrohung durch die SA aus Deutschland fliehen.
Sie gelangt nicht »Im Schnellzug nach Haifa« – der Titel des Buches erklärt sich an anderer Stelle – sondern mit dem Schiff nach Palästina, das zu dieser Zeit noch britisches Mandatsgebiet ist.
Damit beginnt Tergit ihre Reiseschilderungen. Katrin Reimer Gordinskaya vom Institut für demokratische Kultur, Stendal, die den Abend gemeinsam mit Natan Sznaider gestaltete, las den Text über
die Schiffspassage – und im Verlauf der Veranstaltung noch weitere Auszüge aus dem Buch. An Bord des Schiffes sind »die Pioniere des Bodens« und »alte, gesetzestreue Juden, der Religion ergeben«,
jüdische Familien, Ärzte, Verkäuferinnen, »ein Herr mit dünnen Beinen, einem dicken Bauch und einem kleinen, unschönen Stadtgesicht«, »zionistische Akademiker«, »vergnügte Leute«, die aus einem
unfreien Leben kommen, Verzweifelte, die in ihrer Kajüte blieben… »Das Schiff steht für den Moment der großen Gleichmachung, der sie alle von Europa wegführt«, erklärte Natan Sznaider.
»Deutsche Bürger, die noch Monate zuvor etwas waren, sind jetzt nichts mehr.«
»Sie schreibt mit Berlin im Kopf«
Gabriele Tergits Texte erzählen ihm, dass sie nicht enthusiastisch in Palästina einreist, dass sie in diesem Land ohne Regeln, der noch kein Staat ist, innerlich nicht ankommt. Klima, Kleidung,
Umgangsformen – alles habe ihr zu schaffen gemacht. Für den Soziologen Natan Sznaider steht fest: „Sie schreibt mit Berlin im Kopf … Sie will dankbar sein, aber es fällt ihr schwer, sie will
nicht in Palästina sein.“ Und sie bleibt auch nicht dort. 1938, da sind es noch zehn Jahre bis zur Staatsgründung Israels, geht Gabriele Tergit nach London. Nach Deutschland reist sie nach dem
Krieg nur noch gelegentlich. Dort wieder leben möchte sie – wie Hannah Arendt und Mascha Kaléko – nicht mehr. Schreiben kann sie jedoch nur in ihrer Muttersprache.
Wie Sznaider schilderte, lassen sie die Verlage in den 1950er-Jahren abblitzen. Rowohlt, wo ihr »Käsebier« 1931 erschienen war, begründet: »So schreibt man nicht mehr.« Heinrich Böll, Günter
Grass und Uwe Johnson sind die literarischen Stars der Stunde. Kiepenheuer habe 1959 ihr Romanmanuskript »So war’s eben«, ein Panorama des Berliner Lebens über ein halbes Jahrhundert von 1898 bis
in die 1950er-Jahre hinein, mit der Begründung abgelehnt, sie errichte ideologisch gesehen eine Mauer gegen das deutsche Volk. Dies sei im selben Jahr geschehen, in dem Mascha Kaléko den
Fontane-Preis ablehnte, weil das ehemalige SS-Mitglied Hans Egon Holthusen zur Jury gehörte.
Wiederentdeckung durch den Schöffling Verlag
Gabriele Tergits Bücher geraten in Vergessenheit – bis ihr Nachlass vom Schöffling Verlag ab 2016 unter der Herausgeberschaft von Nicole Henneberg neu bzw. erstmals veröffentlicht wird und auf
riesige Resonanz stößt. Ihr Gesellschaftsroman »Effingers«, ein Panorama des jüdischen Bürgertums im Berlin der Vorkriegsjahrzehnte, fand in den 1950er-Jahren kaum Leser – bei seinem
Neuerscheinen 2019 werden in der Literaturkritik mitunter Parallelen zu Thomas Manns »Buddenbrooks« gezogen. Natan Sznaider setzt sich gerade dafür ein, dass »Im Schnellzug nach Haifa« – zurzeit
als gedruckte Ausgabe vergriffen – ins Hebräische übersetzt wird. »Humor, Traurigkeit, Melancholie und eine klare Sprache – besser als sie hat, glaube ich, niemand den Verlust der Welt
beschrieben, wie sie war«, sagte Natan Sznaider und empfahl: »Lesen Sie selbst und verschaffen sich einen Eindruck!«
Text und Fotos: Edda Gehrmann
Sonntag, 25.1.2026, 14 Uhr / Jüdischer Friedhof Stendal
Führung über den jüdischen Friedhof mit Einblick in seine Geschichte
Die Geschichtswerkstatt Stendal e.V. lud am 25. Januar im Rahmen von »Denken ohne Geländer« zu einer Führung über den jüdischen Friedhof in Stendal ein. Dieser befindet sich seit 1865 an der Westseite des Städtischen Friedhofes. Als letzter wurde dort 1940 der Lederwarenhändler Edel Kraskin beerdigt. Früher gelangte man durch ein eigenes Portal von der Georgenstraße aus auf den jüdischen Friedhof, das heute jedoch zugemauert ist.
An einzelnen Grabsteinen erinnerte Geschichtswerkstatt-Mitglied Holger Huth an das Leben von Menschen aus Stendal, deren Schicksal der Verein erforscht hat. An einem sehr einfachen Stein mit kaum
noch lesbaren Buchstaben hielt er länger inne: am Grab von Sally (Kurzform von Salomon) Blumenthal. Der Kaufmann wurde während der Reichspogromnacht 1938 ins Konzentrationslager Buchenwald
deportiert, wo er nur zwei Wochen später angeblich an einer Gehirnhautentzündung starb. Entgegen der jüdischen Tradition, die Erdbestattungen vorschreibt, sei der 67-Jährige eingeäschert worden.
Es ist das einzige Urnengrab auf dem jüdischen Friedhof in Stendal. Holger Huth berichtete, dass der damalige Gemeindevorsteher Jacob Mattischack die Asche aus Weimar abholen musste. Sie sei ihm
in einem Schuhkarton übergeben worden und ob es sich tatsächlich um Blumenthals sterbliche Überreste handelte, sei zweifelhaft. Huth sprach über Sally Blumenthal als einen Menschen, der sich im
Vorstand der Synagogengemeinde sehr für seine jüdischen Mitbürger eingesetzt habe. In einem Geschäft in der Breiten Straße 50 handelte er mit Lederwaren. Vor diesem Gebäude erinnert seit November
vergangenen Jahres ein Stolperstein an den jüdischen Kaufmann.
Text und Fotos: Edda Gehrmann
Sonntag, 25.1.2026, 18 Uhr / Theater der Altmark, Kleines Haus
Let’s talk about Jetzt!: Yfaat Weiss im Gespräch mit Katrin Reimer-Gordinskaya

Um ein wenig beachtetes Kapitel der Geschichte des Staates Israel geht es am Sonntag, 25. Januar, um 18.00 Uhr im Kleinen Haus des Theaters der Altmark. In der Reihe »Let’s talk about Jetzt!« begrüßt Katrin Reimer-Gordinskaya vom Institut für demokratische Kultur, Stendal die israelische Historikerin Yfaat Weiss als Gesprächsgast. Sie lebt in Israel und Deutschland, lehrt in Jerusalem und Leipzig und leitet dort das Dubnow-Institut für jüdische Geschichte und Kultur.
Yfaat Weiß untersucht in ihrem aktuellen Buch »Verfehlte Mission. Das geteilte Jerusalem und die Vereinten Nationen« die gescheiterte Idee der UN, Jerusalem bei der Teilung Palästinas als
international verwaltete Sonderzone zu etablieren. Nach dem Arabisch-Israelischen Krieg 1948 wurde die Stadt in Ost und West geteilt. Dabei entstand eine Exklave im Nordosten: der Skopusberg u.a.
mit der Hebräischen Universität, der Nationalbibliothek, einem Friedhof der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten des Commonwealth und mittendrin dem palästinensischen Dorf Issawiya. Auch auf
dem Skopusberg ist der westliche Teil israelisch und der östliche Teil jordanisch kontrolliert.
Erstmals und nah an den Menschen und Orten erzählt Yfaat Weiss die außergewöhnliche Geschichte dieser entmilitarisierten Exklave unter UN-Schirmherrschaft, die bis zur israelischen Eroberung
Ostjerusalems im Sechstagekrieg 1967 andauerte. Wie diese Geschichte für Jerusalem und für das Land als Ganzes steht und bis in unsere Gegenwart hineinreicht, darüber spricht Yfaat Weiss im
Theater der Altmark mit Katrin Reimer-Gordinskaya. Eintritt frei. Reservierung unter 03931 – 63 57 77 oder [email protected] empfohlen.
Der in Berlin und der Ostprignitz lebende Fotograf Sergej Horovitz stellt im Foyer des Kleinen Hauses eine Fotostrecke über die Jaffa-Straße in Jerusalem aus, die er zu Beginn der 1990er-Jahre mit der Kamera dokumentiert hat – ein visueller Echo-Raum zur historischen Spurensuche des Abends.
Montag, 26.1.2026 und Dienstag, 27.1.2026, jeweils 10 Uhr /
Schulvorstellungen / Theater der Altmark, Kleines Haus
Theaterstück für junge Menschen ab Klassenstufe 7
© Fotos: Nilz Böhme
Der TdA-Spielclub TeenMärker zeigt für Schulklassen an zwei Tagen nochmals seine Produktion »Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute« von Jens Raschke.
»Es geht um einen Zoo direkt neben einem Konzentrationslager. Mit dem naiven, unverfälschten Blick der Tiere werden die Gräueltaten in diesem Lager beobachtet. Das ist ein sehr heftiges Stück«,
sagt Theaterintendantin Dorotty Szalma. Der Drei Masken Verlag sei davon beeindruckt gewesen, dass es in Stendal mit Jugendlichen auf die Bühne gebracht wird. Die TeenMärker haben sich das Stück
aus verschiedenen Möglichkeiten selbst ausgesucht. Seine metaphorische Erzählweise aus der Perspektive von Tieren ermöglicht es, sehr junge Menschen einfühlsam an das Thema Holocaust
heranzuführen und tiefgreifende Fragen über menschliches Verhalten zu stellen.
Aus dem Programmheft zur Aufführung beim Fetzt!Festival 2025:
»Stellt euch einen Zoo vor. Einen Zoo vor vielen Jahren. Die Tiere im Zoo haben sich mit ihrem Leben in Gefangenschaft arrangiert. Denn auf der anderen Seite des Zauns können sie Menschen sehen, denen es viel schlechter geht als ihnen: Zebramenschen – die von gestiefelten Menschen drangsaliert werden. Über allem ein Schornstein, der Tag und Nacht raucht. Eines Tages kommt ein junger Bär in den Zoo, der beginnt, unangenehme Fragen zu stellen: Warum stinkt es so widerlich, warum gibt es keine Vögel und wieso werden auf der anderen Seite des Zauns Menschen erschossen?«
»Direkt neben dem Konzentrationslager Buchenwald gab es einen Zoo. Aus diesem Zynismus der Geschichte ein Theaterstück zu formen, braucht gehörigen Mut. Dies so brillant zu schaffen wie Jens Raschke, braucht größte Sensibilität, schriftstellerische Meisterschaft und einen Funken Genialität.« Raimund Meisenberger, Passauer Neue Presse
Beide Veranstaltungen sind bereits ausgebucht.
Dienstag, 27.1.2026, 9 Uhr, 11 Uhr und 13 Uhr / Aula der Comenius Ganztagssekundarschule Stendal
Musikalische Lesung mit Friederike Becht und Reinhard Seehafer
Der 27. Januar ist Gedenktag in ganz Deutschland. An diesem Tag finden verschiedene Aktionen und Veranstaltungen statt, die zum Erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus aufrufen. So auch in der Hansestadt Stendal. In der Comenius-Ganztagssekundarschule fanden zu drei verschiedenen Zeiten musikalisch begleitete Lesungen statt, an denen Lehrer*innen, Schüler*innen und Gäste teilnehmen konnten.
Nachdem der stellvertretende Oberbürgermeister Axel Kleefeldt und die Schulleiterin Jessika Hellge die Gäste begrüßt hatten, übergaben sie an die Schauspielerin Friederike Becht und den
Pianisten Reinhard Seehafer. Die Schauspielerin las aus dem Tagebuch der Anne Frank vor, Seehafer begleitete auf dem Flügel. So kreierten sie eine Atmosphäre voller Gefühle, die Gefühle eines
jungen Mädchens, welcher man sich nur schwer entziehen konnte. Das Tagebuch der Anne Frank bewegte eine große Leser*innenschaft und wird immer noch viel gelesen; manchmal gehört es zur
Schullektüre, um ein besseres Verständnis zu schaffen, für das, was der jüdischen Gemeinschaft widerfahren ist.
In der Comenius-Schule konnte man sich auch ein Modell des Hauses ansehen, in dem die Familien Frank und van Pels sich versteckt hielten. Es führte vor Augen, wie wenig Platz und Privatsphäre
sie hatten. Axel Kleefeldt, der das Haus in Amsterdam schon selbst besichtigte, regte auch die Schüler*innen dazu an.
Die insgesamt drei Lesungen fanden im Rahmen des Projekts »Denken ohne Geländer« statt und wurden unterstützt und durchgeführt von Demokratie Leben, den Altmarkfestspielen, der
Ganztagssekundarschule Stendal und der Hansestadt Stendal.
Presseinformation der Hansestadt Stendal
© Fotos: Hansestadt Stendal
Dienstag 27.1.2026, 16 Uhr / Bruchstraße 8 / 17 Uhr Rathaus am Markt Stendal
Gedenkstunde erinnert an Schicksale von Jüdinnen und Juden aus Stendal
Die Geschichtswerkstatt Stendal e.V. hat am 27. Januar, am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus, drei neue Stolpersteine verlegt. Vor dem Haus Bruchstraße 8 erinnern sie an Esther Streifler, geb. Grünberg, Marie Streifler und Frieda Kaufmann, geb. Streifler. »Hier, wo diese Frauen einmal selbstverständlich zu Hause waren, fand die schrittweise Entrechtung und Gewalt nicht im luftleeren Raum statt. Es gab in der Nachbarschaft Menschen, die das Glück hatten, nicht in die bedrohte Gesellschaft einsortiert zu werden. Und sie hatten eine Wahl, sich zu diesem Unrecht zu verhalten«, sagte Dorothea Knauerhase von der Geschichtswerkstatt, die für das Stolperstein-Projekt u.a. zum Leben der Streiflers recherchiert hat. In ihrer Ansprache fragte sie mehrfach danach, wann der Gesellschaft unter den Nationalsozialisten der ethische Kompass abhandengekommen sei.
Esther Streifler (geboren im damaligen Polen, heute Westukraine), kam als Witwe mit ihren Töchtern Marie und Frieda nach Stendal. Ab 1933 wohnten die drei in der Bruchstraße 8. Das Haus gehörte
Marie Streifler, die im Schadewachten 32a ein beliebtes Schuhgeschäft betrieb. 1938 wurde ihr Wohnhaus in der Bruchstraße 8 von den Nationalsozialisten zum so genannten »Judenhaus« bestimmt. Es
war einer von mehreren Zwangsräumen in Stendal, in denen Jüdinnen und Juden konzentriert untergebracht wurden, um sie besser kontrollieren zu können. Damit einher ging der Verlust der
Privatsphäre und des persönlichen Schutzraumes vor dem NS-Regime. Die Gestapo konnte sich zu jeder Zeit Zutritt zu den »Judenhäusern« verschaffen.
Die Recherchen der Geschichtswerkstatt belegen, dass Marie und Frieda ihre betagte Mutter Esther Streifler in Stendal weiter unterstützten, auch wenn sie schon an anderen Orten lebten – kein
ungefährliches Unterfangen mit dem J für Jude im Pass, zumal Marie Streifler schon 1935 als polnische Jüdin aus Deutschland ausgebürgert wurde. Esther Streifler kämpfte mit Briefen an den
Oberbürgermeister darum, so lange wie möglich in ihrer kleinen Wohnung bleiben zu können, was ihr auch eine Zeit lang Aufschub verschaffte. Im Oktober 1942, im Alter von 83 Jahren, wird sie dann
doch genötigt, in die Brüderstraße 29 umzuziehen. Es war ihre letzte Adresse vor der Deportation am 8. November 1942. Am 21. Mai 1943 wurde sie im KZ Theresienstadt ermordet. Auch ihre Töchter
Marie und Frieda wurden in Konzentrationslagern umgebracht.
Dorothea Knauerhase beließ bei der Stolperstein-Verlegung die Sache mit dem moralischen Kompass nicht in der Vergangenheit. »Wo stehen wir heute?«, fragte sie. »Wir sind in Sorge angesichts der
rasant wachsenden Anzahl antisemitischer und rassistischer Anfeindungen und Übergriffe, einer wachsenden Demokratieskepsis und einer fragwürdigen Asylpolitik.« Die heutigen Inhaber des Gebäudes
Bruchstraße 8 wissen, wohin ihr moralischer Kompass zeigt. Sie übernehmen die Putzpatenschaft für die neuen Stolpersteine – es ist die erste Patenschaft dieser Art in Stendal.
Nach der Verlegung der Stolpersteine lud die Geschichtswerkstatt noch zu einer Gedenkstunde ins Rathaus der Hansestadt Stendal ein.
Wer die Reinigung von Stolpersteinen in Stendal übernehmen möchte, kann sich an die Geschichtswerkstatt Stendal e.V. wenden: [email protected].
Text und Fotos: Edda Gehrmann
Dienstag 27.1.2026, 18 Uhr / Rathaussaal Havelberg
Hansestadt, Domgemeinde und Bundeswehr luden zum Gedenken ein
Im Rahmen der Veranstaltungswoche Denken ohne Geländer fand im Rathaus der Hansestadt Havelberg am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, eine öffentliche Gedenkveranstaltung statt. Eingeladen hatten die Hansestadt Havelberg, die Domgemeinde sowie die Bundeswehr. Rund 60 Besucherinnen und Besucher folgten dem Aufruf – der Rathaussaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.
In seiner Einführungsrede betonte Bürgermeister Matthias Bölt die Bedeutung des Gedenkens für die Gegenwart. »Dieses Gedenken ist kein Ritual, es ist kein bloßer Blick zurück. Es ist
eine Verpflichtung für unser Denken, für unser Handeln und für unsere Verantwortung heute. Der Nationalsozialismus war kein historischer Unfall. Er war das Ergebnis gesellschaftlicher
Entwicklungen, politischer Verschiebungen und kollektiver Stimmungen. Er entstand nicht plötzlich, er wurde möglich gemacht. Und genau deshalb richtet sich dieses Gedenken immer auch an uns.
Hier, heute.« Anschließend begrüßte Dompfarrer Teja Begrich die Anwesenden und mahnte, dem Erstarken des Antisemitismus entgegenzustehen. Die Veranstaltung fand in einem festlich
geschmückten, von Kronleuchtern erhellten Rathaussaal statt und wurde musikalisch begleitet vom Holztrio des Heeresmusikkorps Neubrandenburg.
Zwangsarbeit war kein Randphänomen
Hauptredner des Abends war der Historiker Dr. Roland Borchers, stellvertretender Leiter des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit in Berlin. In seinem Vortrag erinnerte er an das
Schicksal von rund 13 Millionen Menschen, die während der Zeit des Nationalsozialismus zur Arbeit in Deutschland gezwungen wurden. Acht Millionen von ihnen waren zivile Arbeitskräfte, fünf
Millionen Kriegsgefangene; etwa eine Million waren KZ-Häftlinge. Die Mehrheit der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter stammte aus den Gebieten der damaligen Sowjetunion, insbesondere aus der
Ukraine und aus Belarus. Entgegen der verbreiteten Wahrnehmung handelte es sich überwiegend um Frauen, die in Landwirtschaft, Industrie und insbesondere in der Rüstungsproduktion eingesetzt
wurden.
Dr. Borchers machte deutlich, dass Zwangsarbeit kein Randphänomen, sondern ein allgegenwärtiges Massenphänomen war. Er formulierte drei zentrale Thesen: Erstens fand Zwangsarbeit flächendeckend
in ganz Deutschland statt. Zweitens waren Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Alltag überall sichtbar – allein in Berlin existierten rund 3.000 Zwangsarbeiterlager. Drittens beruhte das
System der Zwangsarbeit maßgeblich auf rassistischen Hierarchien. Jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter litten unter den schlimmsten Bedingungen, gefolgt von den sogenannten
»Ostarbeitern«. Menschen aus westeuropäischen Ländern standen innerhalb dieses Systems höher, auch wenn auch sie unter Ausbeutung und gefährlichen Arbeitsbedingungen litten.
Thema wurde jahrzehntelang verdrängt
Ein regionaler Bezug wurde durch den Blick auf das ehemalige KZ-Außenlager Glöwen hergestellt, das sich unweit von Havelberg befindet. Dort waren 771 jüdische Zwangsarbeiterinnen sowie etwa 3.000
weitere Zwangsarbeiter aus den besetzten Ländern Europas untergebracht. Über das Lager ist bis heute nur wenig bekannt; außer der Lagerleitung konnten weitere beteiligte Personen aus der Region
bislang nicht eindeutig ermittelt werden. Zeitzeugenberichte finden sich vor allem in der Gedenkstätte Sachsenhausen.
Besonders eindrücklich war der zweite Teil des Vortrags, in dem Dr. Borchers die jahrzehntelange Verdrängung des Themas Zwangsarbeit thematisierte. Nach 1945 erhielt das Schicksal der
Zwangsarbeiter kaum öffentliche Aufmerksamkeit. In vielen Herkunftsländern, insbesondere in der Sowjetunion, galten Rückkehrerinnen und Rückkehrer sogar als Kollaborateure und wurden teilweise
verfolgt oder in Arbeitslager deportiert. Entsprechend groß war das Schweigen, das erst in den 1990er-Jahren allmählich gebrochen wurde. Während in der DDR bereits ab den 1960er-Jahren zu
Zwangsarbeit geforscht wurde, begann eine breitere Auseinandersetzung in der Bundesrepublik erst in den 1980er-Jahren. Die Entschädigungszahlungen durch die von der billigen Arbeitskraft stark
profitierenden Industriebetriebe erfolgte erst 2015 - zu einem Zeitpunkt als die meisten Zwangsarbeiter bereits verstorben waren.
Dokumente aus dem Prignitz-Museum Havelberg, die Erinnerungen von Bürgerinnen und Bürgern aus den 1990er-Jahren festhalten, zeigen zudem, dass Zwangsarbeit in lokalen Erinnerungserzählungen kaum
eine Rolle spielte. Nur eine einzige Erinnerung berichtet davon, dass serbische Kriegsgefangene von Kindern verspottet wurden – ein isolierter Hinweis auf ein ansonsten weitgehend ausgeblendetes
Kapitel der Stadtgeschichte.
Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit der Geschichte der nationalsozialistischen Zwangsarbeit ist – nicht nur als Rückblick, sondern als
Auftrag für die Gegenwart.
Text: Antje Hille
© Fotos: Bundeswehr
Donnerstag, 29.1.2026, 19 Uhr / Kleine Markthalle Stendal
Lesung und moderiertes Gespräch mit Nathalie Frank
Wie beeinflusst die Vergangenheit unsere Gegenwart? Diese Frage beschäftigt Nathalie Frank in ihrem künstlerischen Schaffen. Ihr Medium ist der dokumentarische Comic. Am 29. Januar 2026 kam die Comic-Autorin und Kulturreporterin (Arte Journal) zu einem Lese- und Gesprächsabend nach Stendal. Prof. Dr. Claudia Dreke von der Hochschule Magdeburg-Stendal moderierte den Abend.
Nathalie Frank wurde 1984 in Frankreich in eine französisch-polnische Familie hineingeboren. Ihre Vorfahren waren deutsche Jüdinnen und Juden. Den Großeltern gelang 1933 die Flucht aus dem
nationalsozialistischen Deutschland und sie kehrten nie wieder zurück. Auch Nathalies Vater tat das nicht, doch er begleitete seine Tochter, als sie sich auf die Spuren ihres Großvaters nach
Nürnberg begab. Von Nathalie Franks Umzug nach Berlin bis zur ersten Reise nach Nürnberg vergingen noch acht Jahre, erzählte sie in der Kleinen Markthalle. »Ich habe nicht erwartet, dass die
Begegnung mit einem Ort so viel ausmachen kann«, sagte sie. Begriffe wie transgenerationale Traumata – die Weitergabe seelischer Verletzungen an die nächste Generation – habe sie erst danach
kennengelernt. »Es ist nicht unüblich, dass es erst bei der dritten Generation anfängt«, weiß Nathalie Frank inzwischen und ihre Motivation, daran zu arbeiten, sei, das Trauma nicht an ihren Sohn
weiterzugeben. In ihrem Comic »Rückkehr nach Nürnberg«
setzt sie sich mit der Geburtsstadt ihres deutsch-jüdischen Großvaters auseinander. Das Buch ist noch im Entstehen. Einige Seiten projizierte die Autorin an die Wand und las die Sprechblasen vor.
So entstand ein plastischer Eindruck ihrer Arbeit. Auch wenn nicht alles gut sei – Nürnberg habe sich für sie inzwischen von einem bedrohlichen Ort zu einem Ort mit Freunden entwickelt.
Wie geht es dir?
In umgekehrter Richtung erlebt diesen Prozess ein Teil der Menschen, die im Comic-Buch »Wie geht es
dir?« von ihren Erfahrungen in Deutschland nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sprechen. 48 Zeichnerinnen und Zeichner befragten 60 Menschen, die von Antisemitismus,
Hass und Rassismus betroffen sind oder sich mit menschenfeindlichen Ideologien auseinandersetzen. Nathalie Frank hat das Projekt mitinitiiert, war eine der Kuratorinnen und ist mit drei Beiträgen
im Buch vertreten. In Stendal erzählte sie u.a. über ihre Gesprächspartnerin und Comic-Protagonistin Amal, die in Deutschland geboren wurde. Beide Eltern stammen aus Gaza und Amal hat viele
Familienangehörige dort verloren. Sie muss einerseits die Trauer und Ungewissheit aushalten, was in Gaza noch alles geschieht und hat andererseits Angst um ihre Zukunft in Deutschland. Und doch
gelingt es der Deutsch-Palästinenserin in dieser Situation, eine Frau aus der jüdischen Gemeinde zum Kaffee einzuladen. Daraus entstehen regelmäßige Treffen beider Gemeinden. »Wir reden über uns,
unsere Gefühle und Ängste« sagt Amal. Genau das macht auch das Projekt »Wie geht es dir?« aus. »Es geht nicht um politische Statements«, wie Nathalie Frank erklärt. Vor allem möchten
die »Zeichner*innen gegen Antisemitismus, Hass und Rassismus« zum Dialog beitragen und die Gräben nicht durch Pauschalisierungen vertiefen. »Wir wollten keine Zensur, aber wir hatten unsere
roten Linien«, sagt sie. Bis zum Schluss wurde mit den Gesprächspartner*innen zusammengearbeitet und »alles, was wir angefangen haben, ist veröffentlicht worden«.
Menschen wie alle anderen
Als letztes stellte Nathalie Frank das Buchprojekt vor, das sie momentan am meisten beschäftigt: »Menschen wie alle anderen«. Der Comic über antisemitische Bilder und ihre Wirkung entsteht im Auftrag des Zentrums für
Antisemitismusforschung der TU Berlin und erscheint voraussichtlich Ende 2026/Anfang 2027. Die Grundlage dafür bilden rund 11.000 Objekte von einem privaten Spender – darunter Postkarten,
Plakate, Bücher, Pressekarikaturen und Alltagsgegenstände – die größtenteils aus dem Europa des 19. und 20. Jahrhunderts stammen und einen obsessiven Hass auf Jüdinnen und Juden dokumentieren. Im
Buch schickt Nathalie Frank ihr gezeichnetes Alter Ego als Erzählerin auf die Reise. Im Gespräch dazu gab sie Einblick in ihre Herangehensweise an das Thema und ihre Ideen.
Sie unterscheidet z. B. zwischen antisemitischen Fantasiegestalten, den »J.«, und den realen Personen, die von den »J.« entmenschlicht werden sollen. In ihrem Farbkonzept sind die »J.« rot
dargestellt. Wichtig ist ihr auch, die antisemitischen Originale nicht zu übernehmen, sondern nachzuzeichnen. Die beeindruckten Gäste des Abends bekamen eine Ahnung davon, wie tief die
inhaltliche Auseinandersetzung geht, bevor überhaupt eine Zeichnung entsteht. Die Comic-Autorin versichert sich regelmäßig bei Wissenschaftlern vom Zentrum für Antisemitismusforschung, ob ihre
Ideen funktionieren. Ende 2026/Anfang 2027 soll das Buch »Menschen wie alle anderen« erscheinen. Nathalie Frank wusste so sympathisch und kompetent für ihre Kunst zu interessieren, dass man ihre
Werke am liebsten sofort mit nach Hause genommen hätte.
Text und Veranstaltungsfotos: Edda Gehrmann
Comics: Nathalie Frank
Weitere Informationen:
www.nathalie-frank.com
Sonnabend, 31.1.2026, 14 Uhr
Geführte Tour durch Stendal mit der Geschichtswerkstatt
Orte des Unrechts während des Nationalsozialismus zeigte und erklärte Jacob Beuchel von der Geschichtswerkstatt am Sonnabend, 31. Januar 2026, bei einem Spaziergang durch Stendal. Aufgrund der vereisten Straßen und Wege ging es nicht wie bei früheren Führungen mit dem Fahrrad auf Tour. Normalerweise beinhaltet die Route u.a. das ehemalige Kasernengelände an der Scharnhorststraße (Justizzentrum »Albrecht der Bär«) als Standort der Wehrmacht nach der Machtübernahme 1933, den Stadtsee als Propagandaobjekt in der NS-Zeit, »arisierte« Wohn- und Geschäftshäuser jüdischer Menschen in der Frommhagenstraße und den Platz am Ostwall, wo in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 die Synagoge in Flammen stand. Auch der Marktplatz, wo die NSDAP an der Ecke Brüderstraße (heute Stadthaus 2) ihre Machtzentrale hatte und der Hauptbahnhof als Ort der Verschleppung jüdischer Menschen gehören zu den Stationen. Vor dem Alstom-Werk am Nachtigalplatz, ehemals RAW Stendal, wird Zwangsarbeit thematisiert.
Auch wenn einige Stationen dieses Mal aufgrund der Entfernungen und der beißenden Kälte nicht erlaufen werden konnten - die bisher zusammengetragenen Informationen dazu vermittelte Jacob Beuchel
unterwegs trotzdem. Auch in Stendal gelang die systematische Entrechtung, Ausgrenzung und Ermordung von Juden und Jüdinnen sowie anderer Opfer des NS-Systems durch die tatkräftige Mithilfe von
Nachbarn, Sicherheitsbehörden und die kommunale Verwaltung. Jacob Beuchel fordert dazu auf, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen. »Was haben meine Vorfahren eigentlich
gemacht in Nazi-Deutschland? Das zu wissen, ist schon Teil unserer Verantwortung«, sagte er. Auch zum Thema, wer die Profiteure der Arisierung in Stendal waren, sei noch nicht viel bekannt.
Beuchel: »Es gab ja mehrere Unternehmen und auch Privatleute, die hier Haus und Hof und Geschäfte günstig bekommen haben oder auch weitergeführt haben. Das wäre auch noch wichtig zu erforschen.«
Text und Fotos: Edda Gehrmann
Sonnabend, 31.1., 19.30 Uhr / Katharinenkirche, Stendal
Marcus Kaloff interviewt den Musiker und Zeitzeugen jüdischer DDR-Geschichte
Ein Gespräch mit dem Musiker Andrej Hermlin setzte am Samstagabend den Schlusspunkt unter zwei Wochen »Denken ohne Geländer« 2026. Das Interview führte Marcus Kaloff, der gerade am Theater der Altmark mit »Muttersprache Mameloschn« ein Stück über drei Generationen jüdischer Frauen in Deutschland inszeniert hat. Andrej Hermlin, der mit dem Swing Dance Orchestra internationale Erfolge feiert, ist als Sohn des jüdischen Schriftstellers Stephan Hermlin in der DDR aufgewachsen. Sein Vater war einer der bekanntesten Schriftsteller in der DDR. Jüdisches religiöses Leben habe aber in seiner Familie kaum einen Stellenwert gehabt, war im Gespräch zu erfahren. Auf seine Herkunft sei er nur durch antisemitische Zwischenfälle zurückgeworfen worden, so Andrej Hermlin, etwa, als ihm während der Armeezeit jemand zurief: »Schade, dass Hitler nicht alle Juden vergast hat, dann gäbe es wenigstens kein Israel.« Offiziell habe es zwar keinen Antisemitismus gegeben in der DDR, und manche Leute würden das immer noch glauben, aber das habe zu den wesentlichen Lebenslügen der DDR gehört. Es wurden z. B. auch jüdische Friedhöfe geschändet. »Dieses Problem wurde entweder unter den Tisch gekehrt oder nach Westen verlagert. Wenn es sowas gab, dann war es eine Provokation der imperialistischen Mächte, und wenn es gar nicht anders ging, dann musste man es zugeben und dann waren es Rowdys.«
Im Interview äußerte sich Andrej Hermlin betroffen über den aktuellen Zustand der Gesellschaft: »Obwohl ich eigentlich mehr zum Pessimismus als zum Optimismus neige, wenn es politische Fragen
betrifft, hätte ich mir doch vor ein paar Jahren nicht vorstellen können, welchen Punkt wir jetzt erreicht haben.« Es gebe einen enormen Antisemitismus innerhalb der Gesellschaft und der sei
nicht eingewandert. Die Eskalation der Gewalt nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel betrachtete er ausschließlich aus einer Perspektive: die Terrororganisationen in Gaza seien
entschlossen, »alle Juden zu töten, nicht nur dort, sondern weltweit, und den jüdischen Staat auszulöschen.« Aus der Partei »Die Linke« war er 2023 nach 30 Jahren ausgetreten, weil sie in ihrer
Erklärung »Für ein Ende der Gewalt in Israel und Palästina« seiner Meinung nach »den Genozid an den Juden mit dem Hinweis auf die Besatzungspolitik Israels« relativiere. »Juden und
Judenmörder« würden »gewissermaßen in einem Atemzug« genannt.
Auf die Frage aus dem Publikum nach dem Warum des Jahrtausende alten Judenhasses antwortete Hermlin: »Es ist ein Wahn. Es ist ein Wahn zu glauben, dass eine kleine Gruppe von Menschen die Welt
beherrscht, für die Pest und vergiftete Brunnen verantwortlich ist, für Kindermorde verantwortlich ist…« Von 8 Milliarden Menschen auf der Welt seien nicht einmal 16 Millionen Juden. »Jetzt
stellen sie sich mal vor morgen verschwinden alle Juden. Würde sich irgendetwas ändern in ihrem Leben?«, so Hermlin.
Er appellierte an das Publikum, sich nicht vergiften zu lassen, auch über die Fragen nach Israel und den Juden hinaus. »Wenn wir aufhören, miteinander zu reden, wenn wir Lügen glauben, wenn wir
uns vergiften lassen, sei es durch soziale Medien oder durch irgendwelche Propagandisten von ganz links oder ganz rechts, dann laufen wir Gefahr, dass diese Gesellschaft kollabiert.«
Zum »Entgiften« gab es abschließend Swing mit Andrej Hermlin am Piano und Sohn David als großartigem Sänger, der direkt den 1930er-Jahren entsprungen zu sein schien. Trotz der herausfordernden
Gesprächsthemen des Abends gingen die knapp 80 Gäste nicht nur nachdenklich, sondern auch »beswingt« aus dieser letzten Veranstaltung von »Denken ohne Geländer« 2026. Sie fand in Kooperation mit
der Hansestadt Stendal statt und wurde von der Landeszentrale für politische Bildung finanziert.
Text und Fotos: Edda Gehrmann