Neue Synagoge ermöglicht vielschichtigen Blick in die jüdische Geschichte

Studierende aus Stendal auf Exkursion in Berlin

Die Studierenden aus Stendal mit Prof. Katrin Reimer-Gordinskaya (2.v.l.) und Martina Sander (2.v.r.) vor dem Portal der Neuen Synagoge in Berlin (eg)

Studierende der Hochschule Magdeburg-Stendal und ihre Professorin Katrin Reimer-Gordinskaya begaben sich am 12. Januar zum Auftakt der Reihe »Denken ohne Geländer« 2023 auf eine Exkursion zur Neuen Synagoge in Berlin. In ihrem Projektstudium erkunden die angehenden Kindheitswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler jüdisches Leben in der DDR. Ohne den unfassbaren nationalsozialistischen Völkermord aus dem Blick zu verlieren, geht es in den Hochschulprojekten und in den Veranstaltungen von »Denken ohne Geländer« zunehmend auch darum, die deutsch-jüdische Geschichte vor und nach dem Holocaust in den Blick zu nehmen.

 

Die Neue Synagoge in Berlin ist ein idealer Ort dafür. Was von der einst größten Synagoge Deutschlands in der Oranienburger Straße übrig blieb, ermöglicht eine vielschichtige Betrachtung jüdischer Geschichte: 1859 bis 1866 im orientalischen Stil gebaut, zu einer Zeit, als Juden im liberalen Berlin (offiziell) gleichgestellt waren; 1938 während der Novemberpogrome geschändet und während des Zweiten Weltkrieges missbraucht als Sitz nationalsozialistischer Behörden; 1943 von Flieger-Bomben schwer getroffen; 1958 in der DDR wegen Einsturzgefahr gesprengt, ab 1988 als Fragment wiederaufgebaut und 1995 als Stiftung Synagoge Berlin – Centrum Judaicum eröffnet. Heute ist das auffällige Bauwerk mit der goldverzierten Kuppel Museum, Gedächtnisort und Kulturzentrum zugleich. Ein kleiner Gebetsraum unter dem Dach wird von einer jüdischen Gemeinde genutzt.

 

Besucherinnen und Besucher passieren am Eingang eine Sicherheitskontrolle wie auf dem Flughafen – so auch die Gruppe aus Stendal. Sie interessiert sich besonders für jüdisches Leben in der DDR. Im Seminar haben die Studierenden bisher vor allem anhand von Literatur recherchiert. Einige von ihnen möchten später einen Artikel zu diesem Thema verfassen, andere Ausstellungselemente für Kinder und Jugendliche entwickeln, um die Schulbildung zu ergänzen. »Wir haben das Gefühl, dass jüdische Geschichte ausschließlich im Kontext der NS-Zeit erzählt wird und wir würden gern vermitteln, dass sie viel mehr ist. Sie hat davor stattgefunden, sie hat danach stattgefunden und ist nicht nur ein Randprodukt deutscher Geschichte, sondern eine eigene Geschichte«, sagt Justine Hentschel.

 

Die Studentin arbeitet auch an einem langfristigen Forschungsprojekt des Institutes für demokratische Kultur an der Hochschule Magdeburg-Stendal zu jüdischer Regionalgeschichte mit. Dabei geht es um die kurze, aber historisch bedeutsame Zeitspanne Mitte der 1980er-Jahre bis zur Wende. »Wir möchten mit unserem Projekt diese Zeit wachrufen, in der es viele Ansätze zur eigenständigen Gestaltung der Gesellschaft gab«, so Prof. Katrin Reimer-Gordinskaya. Waren Jüdinnen und Juden an der progressiven Entwicklung in der Wendezeit beteiligt? Welche Wünsche hatten sie? Wurde auch an den regionalen Runden Tischen darüber diskutiert, Jüdinnen und Juden aus der Sowjetunion die Einwanderung in die DDR zu ermöglichen, wie es in Berlin durch den 1989/90 gegründeten jüdischen Kulturverein geschah? Wie erlebten die Menschen Erinnern und Gedenken in einem Staat, der sich als antifaschistisch deklarierte? In welchen Formen zeigte sich Antisemitismus? 

 

Das Projekt konzentriert sich auf den Raum Magdeburg und Stendal und bezieht die Perspektive der nicht-jüdischen Bevölkerung ein. »Zeithistorische regionale Forschung fehlt«, erklärt Martina Sander, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für demokratische Kultur, die mit den Studierenden nach Berlin gekommen ist. Sie beschreibt die Stellung jüdischer Gemeinden in der DDR als schwierig, »zwischen Argwohn, Stigmatisierung und Nutzbarmachung.« Mit Hilfe von Interviews und Archivrecherche begibt sie sich in dem noch jungen Forschungsprojekt auf Spurensuche in der Region. „Wir stehen noch relativ am Beginn“, sagt Martina Sander, »aber wir sind auf einem guten Weg.«

 

Auf einem solchen waren auch die Studentinnen und Studenten in der Neuen Synagoge, obwohl ihnen die Führung konkrete neue Erkenntnisse zum gewählten Projektstudium-Thema schuldig blieb. Die Beschäftigung mit verschiedenen Facetten jüdischer Geschichte an einem historisch bedeutsamen Ort hilft ihnen jedoch dabei, den gesamten Kontext besser zu verstehen. »Wir konnten Eindrücke von der allgemeinen Entwicklung des Judentums in Preußen, wozu Stendal ja gehörte, gewinnen«, bilanziert Prof. Katrin Reimer-Gordinskaya. Und Justine Hentschel hat eine »spannende Parallele« entdeckt: Wie die Neue Synagoge in Berlin wurde in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 auch die Stendaler Synagoge von der Feuerwehr gerettet. Eine jüdische Gemeinde gab es in Stendal jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr.

 

Neue Synagoge Berlin an der Oranienburger Straße | bpb.de

Jüdisches Leben in der DDR | bpb.de

 

Bericht: Edda Gehrmann

Wie verführbar sind wir?

Gastspiel »Der Reichsbürger« im Theater der Altmark

Marian Bulang spielte einen argumentationsbereiten Selbstverwalter. Er nahm auch am Nachgespräch mit Stefan Wolfram, Eveline Günther und Cornelia Habisch teil. (am)

Wilhelm S., der sympathische Herr im Anzug, hält in Stendal einen anschaulichen Vortrag zum Thema »Selbstverwaltung. Wege in die Unabhängigkeit«. Doch schon bald beschleicht den Zuhörer Unbehagen. 

Das ausgebuchte Theatergastspiel im Uppstall-Kaufhaus Stendal entlarvte die perfiden Argumentationsmechanismen der sogenannten Selbstverwalter und fragte: Wie verführbar sind wir? 

 

Das vielbeachtete Theaterstück von Annalena und Konstantin Küspert wurde 2018 in Münster uraufgeführt und steht seit Januar 2022 auf dem Spielplan des deutsch-sorbischen Volkstheaters Bautzen, das der Einladung des Stendaler Intendanten Wolf E. Rahlfs gefolgt war. Er begrüßte zu Beginn der Vorstellung das Gastensemble und das Publikum im TdA mit einer Einordnung in die Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer«. 

 

Die Autoren und auch das Bautzener Regieteam wollten der Frage nachspüren: Wieviel »Reichsbürger« steckt eigentlich in uns? Sind wir verführbar? Wie weit sind wir davon entfernt, eine gelbe Linie um unser Grundstück zu ziehen? »Das ist ja keine homogene Gruppe, diese Reichsbürger. Das ist eigentlich ein generalisierter Begriff, der ganz viele verschiedene Formen von im weiteren Sinne Selbstverwaltern umschließt«, sagte Autor Konstantin Küspert in einem Gespräch mit Deutschlandradio Kultur.

 

Marian Bulang, Ensemblemitglied am deutsch-sorbischen Volkstheater Bautzen, spielte in der Regie von Stefan Wolfram den bekennenden Selbstverwalter und Reichsbürger. Geschickt spielte er mit der Macht der Verführbarkeit und versuchte immer wieder, das Publikum von den Argumenten seiner Reichsbürger-Figur zu überzeugen. Während anfänglich noch über seine absurde Strategie gelacht wurde, kam es zu im Verlaufe des Abends wegen oft geteilter Argumente zu nachdenklichen zustimmenden und dann wieder ablehnenden Haltungen. Die Figur Wilhelm S. zeigte sich zunehmend abgrenzend, verfassungsfeindlich, rassistisch und gewaltbereit. Kurzerhand wurde gar das gesamte Publikum eingegrenzt, zu einem eigenen unabhängigen Territorium erklärt und Abweichler bedroht. Spätestens hier entlarvte sich die Figur selbst und ließ keinen Zweifel an ihrer Unglaubwürdigkeit. 

 

Das Gastspiel wurde ermöglicht durch die Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, deren stellvertretende Direktorin Cornelia Habisch kostenfreie Literatur zum Thema Rechtsextremismus mitbrachte und gemeinsam mit dem Regisseur und Oberspielleiter Stefan Wolfram, der Chef- und Stückdramaturgin Eveline Günther und dem Schauspieler Marian Bulang zum Nachgespräch mit dem Publikum einlud. Es entstand eine angeregte Diskussion zum Thema Reichsbürger und Fragen der Aufklärung und des Umgangs mit zum Teil nachvollziehbaren Argumenten und deren Missbrauch.

ZEUGNISSE JÜDISCHER GESCHICHTE IN DER ALTMARK UND PRIGNITZ

Vortrag im Prignitz-Museum am Dom Havelberg

Museumsleiterin Antje Reichel zeigte Dokumente und Gegenstände aus verschiednen Jahrhunderten. (eg)

Urkunden, Geburts-, Heirats- und Sterberegister, amtliche Verordnungen, Statistiken, Quittungen und Rechnungen, alte Zeitungen und Bücher, bildliche Darstellungen, Grabsteine, Flur- und Straßennamen – in einem lebendigen Vortrag legte Museumsleiterin Antje Reichel im Prignitz-Museum am Dom Havelberg dar, aus welchen Quellen sie bei der Erforschung jüdischer Geschichte in der Altmark und Prignitz schöpft. Mit diesem Thema beschäftigt sich die Museologin bereits seit den 1980er-Jahren. Ältestes schriftliches Zeugnis jüdischen Lebens in der Region ist die »Stendaler Judenordnung von 1297«, in der Schutzrechte und Abgaben für die jüdischen Einwohner festgelegt sind. Da Juden rechtlich am Rande der Gesellschaft standen, weil sie nicht zur christlichen Gemeinschaft gehörten, seien sie auch immer gesondert behandelt worden, erläuterte Antje Reichel. Das habe dazu geführt, dass sich in überlieferten Dokumenten heute viele Spuren jüdischen Lebens finden lassen. Durch Schutzbriefe aus dem 14. Jahrhundert beispielsweise weiß man von jüdischen Gemeinden u.a. in Tangermünde, Werben, Havelberg, Arneburg, Seehausen, Salzwedel, Gardelegen und Osterburg, in Kyritz, Rathenow, Perleberg und Brandenburg.

Historische Quellen machen das Auf und Ab zwischen Privilegien der Landesherren einerseits, Diskriminierung und Vertreibung andererseits auch regional nachvollziehbar. So sind zum Beispiel 1351 in Stendal und Osterburg Pogrome an Juden belegt, die in Zusammenhang mit den Pestwellen zu jener Zeit zu sehen sind. »Jüdische Einwohner waren natürlich auch von solchen Pestepidemien betroffen, aber sie wohnten in geschlossenen Höfen, hatten ihre eigenen Reinigungsregeln und waren dadurch, so wie wir heute mit unseren Corona-Masken, ein wenig geschützt vor Ansteckung. Das führte dazu, dass die Christen sich relativ schnell vorstellen konnten, die Juden wären schuld an der Pest, und das wurde auch in der Kirche propagiert«, erklärte Antje Reichel. Die Folge: Überfälle auf jüdische Familien und Vertreibung. 

 

In der Mark Brandenburg führte Kurfürst Friedrich I. 1420 das Judenprivileg wieder ein und gestattete Handel mit bestimmten Waren, 1446 vertrieb sein Nachfolger Friedrich II. die Juden wieder, der nächste Kurfürst erlaubte den Zuzug erneut. 1509 kam es noch einmal zur Aufnahme von Juden vor allem in der Altmark und Prignitz, doch bereits ein Jahr später folgte das größte bekannte Pogrom in der Mark Brandenburg. Auslöser war der Diebstahl einer Monstranz mit geweihten Hostien aus einer kleinen Dorfkirche bei Rathenow. Um dieses Ereignis wurde die Geschichte einer angeblichen Hostienschändung durch Juden gesponnen. Es kam zu einem Prozess, in dessen Folge 40 jüdische Einwohner aus Altmark und Prignitz auf einem Scheiterhaufen in Berlin verbrannt wurden. Alle anderen Juden mussten die Mark Brandenburg verlassen.

 

»Danach gab es lange Zeit keine Juden in unserer Region mehr«, sagte Antje Reichel, bevor sie auf eine weitere hochinteressante Quelle zu sprechen kam. Im Turmknauf der Havelberger Stadtkirche befinden sich Urkunden aus den Jahren 1787 und 1822 in hebräischer Schrift, aber in jiddischer Sprache. Sie wurden bei Reparaturarbeiten entdeckt und später wieder an Ort und Stelle hinterlegt. In der älteren Urkunde ist von einer Synagoge und einer Mikwe (Ritualbad) in Havelberg zu lesen. Zehn männliche Personen und vier Familien werden aufgeführt. Das Dokument von 1822 erwähnt sechs Familien mit 24 Mitgliedern.

 

Bei einem Gang in die Ausstellung präsentierte Antje Reichel den Gästen historische Zeugnisse zum Anfassen bzw. zum näheren Hinschauen, darunter originale Kupferstiche von Louis Jacoby (1828-1918), der zu den berühmtesten deutschen Künstlern seiner Zeit gehörte und auf dem jüdischen Friedhof seiner Geburtsstadt Havelberg beigesetzt wurde. Ein Jüdischer Machsor aus dem Jahr 1807 – ein hebräisches Gebetbuch für jüdische Festtage, das einer Havelberger Familie gehörte – und originale Edikte (Gesetzblätter) aus dem 18. Jahrhundert teilen sich im Museum eine Vitrine mit einem kleinen Aluminiumschild. Es trägt die Aufschrift »Juden sind hier unerwünscht«. Solche Schilder wurden ab den 1920er-Jahren immer häufiger an Geschäften, Gaststätten und öffentlichen Einrichtungen angebracht. Wohin das führte, ist bekannt. Die 1938 noch in Havelberg lebenden zehn Juden wurden in der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November überfallen und in Arbeitslager abtransportiert. Keiner von ihnen überlebte den Holocaust. 

 

Nach 1945 sind die regionalen Quellen dünn. Ein besonderer Glücksfall ist deshalb eine Schülerarbeit aus dem Jahr 1961 »Über die jüdischen Schicksale in Havelberg«. Die Verfasserin interviewte die überlebenden Juden aus Havelberg und nahm dafür sogar bis nach Brasilien Kontakt auf. »So etwas gab es höchst selten in der DDR und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie uns ihre Arbeit zur Verfügung gestellt hat«, betonte Antje Reichel. Der Hefter mit der Kopie der Schrift erweckte dann auch besonderes Interesse bei einigen Gästen der Veranstaltung.

 

Zum Abschluss ging es noch einmal zurück ins Mittelalter. Die Museumsleiterin nahm die Gruppe mit in den kühlen Dom. 20 detailreiche Sandsteinreliefs im Lettner aus dem 14. Jahrhundert zeigen die biblischen Ereignisse vom Einzug Christi in Jerusalem bis zur Himmelfahrt und schließen mit dem Jüngsten Gericht ab. Antje Reichel machte die Besucherinnen und Besucher auf die Schergen bei der Kreuzigung aufmerksam, die Jesus demütigten und verspotteten. Sie werden mit spitzen Hüten dargestellt und damit als Juden gekennzeichnet. Die Spitzhüte waren eine typische Bekleidung der Juden im Mittelalter. Eine Nachbildung aus gelbem Filz hatte Antje Reichel dabei. »Solche Darstellungen verstärkten im Spätmittelalter das Bild, der Jude sei schuld am Tod Jesu«, erklärte sie und merkte an: »Dieser Lettner erzählt im Grunde genommen bis heute eine antijüdische Geschichte.«

 

Bericht: Edda Gehrmann

DER ÜBERAUS STARKE WILLIBALD

Kinderbuchlesung mit TdA-Schauspielern

Katrin Steinke, Paul Worms und Matthias Hinz lasen vor Schulklassen (Foto Tristan Benzmüller)

Mit einer halbszenischen Lesung des Theaters der Altmark waren die Ensemblemitglieder Katrin Steinke, Matthias Hinz und Paul Worms in der Aula der Sekundarschule »Adolf Diesterweg« zu Gast. Vor drei 5. Klassen lasen sie dort aus Willi Fährmanns »Der überaus starke Willibald« und ließen die Buchfiguren und ihre Geschichte lebendig werden. 

 

In einem großen grauen Haus lebt ein munteres Mäuserudel. Doch eines Tages schleicht eine große Katze um das Haus. Der überaus starke Willibald nutzt die Angst vor der Katze, um sich zum Boss des Mäuserudels aufzuschwingen, und fordert Gehorsam. Nur die kleine Lillimaus wagt Kritik, wofür sie in die Bibliothek verbannt wird. – Mit seiner Mäusefabel von 1983 erzählt Willi Fährmann (1929-2017) in kindgerechten Worten, wie eine Diktatur entsteht. 

 

Dramaturg Tristan Benzmüller berichtet: Die Schüler*innen folgten aufmerksam der Fabel und wussten das Gehörte durchaus einzuordnen. Beim Nachgespräch im Klassenzimmer sei der Name Putin gefallen, so eine Lehrerin.

TRADITIONELL WELTOFFEN?

Ausstellungseröffnung der Hansestadt Stendal

Die Ausstellung ist in der Wandelhalle des Stendaler Stadt am Markt zu sehen. (am)

Die Wanderausstellung»Traditionell weltoffen?« wurde am 23. Januar vom stellvertretenden Oberbürgermeister Axel Kleefeldt und der stellvertretende Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt Cornelia Habisch in Stendal eröffnet. 

 

Auf 19 Tafeln zeigt sie in der Wandelhalle im Stendaler Stadthaus (Markt 14/15) einen weiten zeitlichen und thematischen Bogen schlagen, beginnend mit der Himmelscheibe von Nebra und den Ottonen über die Ansiedlung der Hugenotten und Wallonen bis zur Zuwanderung und Integration auf dem Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalt. Die Ausstellung erzählt vom ständigen gesellschaftlichen Wandel und macht Lebenswege sichtbar, die ins Land hinein und von hier aus in die Welt geführt haben. Da ist zum Beispiel Anton Wilhelm Amo, der als erster afrodeutscher Akademiker gilt. Er studierte in Halle und in Wittenberg, wo er 1734 auch promoviert wurde. Oder der Apotheker Hermann Blumenau aus dem Harz, der im 19. Jahrhundert in Brasilien eine Stadt gründete.

 

An der Einwanderung von Hugenotten, Waldensern und Wallonen lassen sich erfolgreiche Integrationsprozesse der Vergangenheit nachvollziehen. Dagegen zeigt das Beispiel der anhaltischen Kolonie Askania Nova auf dem Territorium der heutigen Ukraine die geglückte Ansiedelung von Auswanderern. Ein Kapitel zum Bauhaus beleuchtet die weltweite Wirkung, die von Dessau ausgegangen ist. Thematisiert werden aber auch die Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges und Sachsen-Anhalt in der Zeit der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. 

 

Die Ausstellung zu multikulturellen Perspektiven Sachsen-Anhalts in Geschichte und Gegenwart entstand in Zusammenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung, des Landesheimatbundes e.V. und der Landesvereinigung kulturelle Kinder- und Jugendbildung e.V. 

 

»Traditionell weltoffen« bleibt bis zum 23. Februar in Stendal und ist zu folgenden Zeiten geöffnet: montags und mittwochs von 7 bis 16 Uhr, dienstags und donnerstags von 7 bis 18 Uhr sowie freitags von 7 bis 13 Uhr. Der Besuch ist kostenfrei.

»EICHMANN IN JERUSALEM«: UMSTRITTEN UND IMMER NOCH LESENSWERT

Dr. Lutz Fiedler sprach in Stendal über Hannah Arendts Bericht

Der Vortrag in der Stadtbibliothek stieß auf reges Interesse (am)

»Eichmann in Jerusalem« – unter diesem Titel veröffentlichte Hannah Arendt 1963 ihr Buch über den Eichmann-Prozess. Dr. Lutz Fiedler vom Moses Mendelssohn Zentrum Potsdam kam nach Stendal, um über den Text der politischen Theoretikerin, Historikerin und Publizistin sprechen. Sein Vortrag und das Publikumsgespräch waren gut besucht. 

 

Als Adolf Eichmann 1961 in Israel wegen seiner maßgeblichen Täterschaft bei der systematischen Ermordung von Juden und Jüdinnen vor Gericht stand, wurde Hannah Arendt als journalistische Prozessbeobachterin beauftragt. Ihr Bericht erschütterte die Welt und löste nicht nur wegen des Begriffs der »Banalität des Bösen« heftige Kontroversen aus. Dr. Lutz Fiedler hatte ihren Text noch einmal gelesen und stellte mit aktuellem Blick heraus, was Hannah Arendt über jüdische Politik und internationale Strafgerichtsbarkeit nach dem Holocaust reflektierte. 

 

Der Eichmann-Prozess gelte als historischer und internationaler Wendepunkt für die Wahrnehmung und Bewusstwerdung der Katastrophe des Holocaust, so Dr. Fiedler. In seinem Vortrag ging er der Frage nach, wofür es sich noch heute lohnt, Hannah Arendts umstrittenes Buch zur Hand zu nehmen. Dabei berücksichtigt er die Anfänge ihrer Auseinandersetzung mit dem Holocaust, ihre Überlegungen zu den »Nürnberger Prozessen« und ihre Bewertung des Eichmann-Prozesses. Er stellte ihren Verdienst mit der Einordnung der »Errichtung von Tötungsfabriken«, der massenhaften »Fabrikation von Leichen«, als »Verbrechen gegen die Menschheit« und damit neuen Dimensionierung gegenüber anderen Menschheitsverbrechen dar. Des Weiteren würdigte er ihre völkerrechtlichen Überlegungen. Kritisch blieben derweil bis heute ihre Vorwürfe gegen die Arbeit der Judenräte, die Verwendung des Begriff »Banalität des Bösen« und ihr von Juden als zynisch empfundener antijüdischer Tonfall.

 

Im anschließenden, sehr angeregten Publikumsgespräch ging es u.a. um Fragen der internationalen Rechtsordnung und umsetzende Instanzen damals und heute sowie um ethisch, moralische Fragen. »Kann ich selbst noch mit mir zusammenleben« fragte Hanna Arendt. Lutz Fiedler verwies auf ihre moralische Einordnungen in anderen Texten, wie im Vorwort zum Bericht über die späteren Frankfurter, die sogenannten »Auschwitz-Prozesse«.

 

Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Kritischen Gesamtausgabe der Schriften und des Nachlasses Hannah Arendts an der Freien Universität Berlin betreut Dr. Lutz Fiedler den Band »Eichmann in Jerusalem«. Der Experte für jüdische Geschichte war bereits mehrfach bei der Woche »Denken ohne Geländer« zu Gast. 

 

Bei der Begrüßung der Veranstaltung machte Prof. Katrin Reimer-Gordinskaya, die den Referenten eingeladen hatte, darauf aufmerksam, dass der Titel der Stendaler Veranstaltungsreihe einem Ausspruch Hannah Arendts (1906-1975) entlehnt ist, die keiner bestimmten Denkschule folgte und sich keine intellektuellen Zwänge auferlegte, was sie selbst als »Denken ohne Geländer« bezeichnete. Geboren in Linden bei Hannover als Tochter weltlich gesinnter jüdischer Eltern und aufgewachsen in Königsberg, flüchtete sie 1933 vor den Nationalsozialisten nach Paris. 1941 emigrierte sie in die USA, wo sie u. a. als Journalistin arbeitete und an verschiedenen Universitäten lehrte. 1951 erhielt Hannah Arendt die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die Nazis hatten sie bereits 1937 ausgebürgert. Weltberühmt wurde sie 1951 durch ihr Buch »The Origins of Totalitarianism« (auf Deutsch 1955: »Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft«).

SCHÜLERAUSTAUSCH IN OSTERBURG

Öffentliche Debatte über Identitätsbildung und Demokratieverständnis

Diskussionsrunde von und mit Schülerinnen und Schülern aus Osterburg und Salzwedel (am)

Im Rahmen der Projektwoche »Denken ohne Geländer« fand erneut eine öffentliche Veranstaltung vor Schüler und Schülerinnen und Bürgern und Bürgerinnen in der Aula des Markgraf-Albrecht-Gymnasiums statt. Den Denkanstoß und die Organisation übernahmen die Lehrer Clemens Fischer und Fabian Kröhnert vor dem Hintergrund der Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage - Initiative. Schüler und Schülerinnen der Jahrgangsstufe 11 entwickelten daraufhin ein Projekt im Austausch mit Schulgruppen des Jahn-Gymnasiums Salzwedel.

 

Im Zentrum dessen stand in diesem Jahr die Leitfrage, welche Bedeutung die Begriffe Stolz, Demokratie und Identität für Jugendliche aus der Altmark haben. Anhand von Interviews mit Mitschülerinnen und Mitschülern und durch den Austausch mit Gymnasiasten aus Salzwedel im Vorfeld der Veranstaltung, wurden diese Begriffe auf Augenhöhe miteinander definiert und in der Debatte verhandelt. Durch das technische Knowhow des Schülers Jonathan Schulz wurden die aufgenommenen Interviews und Gespräche in komprimierter Art und Weise allen Anwesenden vorgespielt. Mithilfe der gesicherten Audioquellen, konnten die ersten Ergebnisse auf der Bühne der Aula öffentlich reflektiert, korrigiert und durch den Austausch mit dem Publikum neu verhandelt werden. 

 

Dabei dominierten Frances Moldenhauer, Eva Belewa und Wiebke Seehaus gekonnt die Veranstaltung. Aber ebenso die Schüler Jan Hildebrandt und Edgar Seifert aus Salzwedel wussten eloquent und fundiert ihre Sicht zu verteidigen. »Stolz sei man in der Demokratie auf die Chance sich beteiligen zu können«, kommentierte Hagen Lampe aus Salzwedel. Uneinigkeit bestand bei vielen Akteuren beim Begriff der Identität. Sei man »Altmärker, Deutscher oder gar Europäer?« – »Verschiedene Sichtweisen müssen individuell und ohne Vorurteil bei abweichender Meinung möglich sein«, meinte Wiebke Seehaus.

 

Beiträge von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 6 bis 11 aus der vollbesetzten Aula sowie kritische Töne und Impulse aus den Reihen der älteren Zuhörerschaft konnten sensibel und auch sprachlich geschickt eingeordnet werden. Bürgermeister Nico Schulz verwies auf den kontroversen aber fairen Austausch in der gesamten Debatte. In diesem Zusammenhang lobte Aud Merkel, Projektkoordinatorin der Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer«, erneut das überaus große Engagement der Schüler und Schülerinnen des Osterburger Gymnasiums, die sich stets mit eigenen Projekten in die Themenwoche einbringen. Michael Malinowski, schulfachlicher Koordinator und Lehrer für Ethik und Deutsch am Jahn-Gymnasium Salzwedel, regte weitere Begegnungen an: »Gerade so ist echtes Denken ohne Geländer für Jugendliche, ohne starre Vorgaben durch die Lehrkräfte authentisch und möglich.« 

 

(Bericht der Schule, Markgraf-Albrecht-Gymnasium)

DIE STENDALER JUDENORDNUNG VON 1297 – Kostbares Original kehrt für einen Tag zurück

Dorothea Knauerhase, Jutta Dick und Sylvia Gosrich bei der Präsentation im Stendaler Stadtarchiv (eg)

Das Pergament unbeschadet, die Schrift makellos, nur an einem Siegel fehlt ein Stück vom Rand – kaum zu glauben, dass diese Urkunde 726 Jahre alt sein soll. Für einen Tag holte sich das Stendaler Stadtarchiv seine kostbare Dauerleihgabe aus dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam zurück: die Stendaler Judenordnung, ausgestellt von den Brandenburger Markgrafen Otto IV. und Konrad I. am 4. April 1297. Sylvia Gohsrich von der Geschichtswerkstatt Stendal hatte die Idee, die Original-Urkunde im Rahmen von »Denken ohne Geländer« nach Hause zu holen und ihr einen Abend zu widmen. 

 

Zum Einstieg berichtete sie im Stadtarchiv davon, wie das wertvolle Dokument in der Potsdamer Ausstellung sorgfältig für den Transport verpackt wurde. »Für uns war das ein ganz besonderes Ereignis«, beschrieb Sylvia Gohsrich, »und ich war ein bisschen aufgeregt.« Kein Wunder, handelt es sich doch nicht nur um ein sehr altes Schriftzeugnis jüdischer Geschichte, sondern um die erste bekannte Urkunde ihrer Art in der alten Mark, ein Dokument, das Felix Escher von der Historischen Kommission zu Berlin als eine der 100 Schlüsselquellen zur Geschichte von Berlin, Brandenburg und Preußen beschreibt. In ihrem Vortrag bezog sich Sylvia Gohsrich mehrfach auf den Historiker. Er leitet aus dem Inhalt der Judenordnung »die besondere Bedeutung der Judengemeinde der Fernhandelsstadt Stendal als eine wirtschaftlich sehr leistungsfähige Gemeinschaft« ab. Es handele sich um eine Festlegung der Rechte und Pflichten der in Stendal wohnenden Juden durch die Landesherren.

 

Sicherheit gegen Abgaben

 

Festgelegt wurden vor allem Abgaben, die die Juden für ihre Sicherheit zu leisten hatten. In der Stendaler Judenordnung, lateinisch verfasst und von Michael Menzel (Historischen Kommission zu Berlin) übersetzt, heißt es: »Die Juden genießen das allgemeine Stadtrecht und sollen von den Ratsherren wie ihre eigenen Bürger beschützt werden; kein Jude soll unsere besagte Stadt Stendal bewohnen und am gleichen Recht teilhaben, dessen Vermögen unter zehn Mark beträgt …« Zehn Mark – das klingt erst einmal nicht viel. »Kann man das auf unsere Zeit umrechnen?«, meldete sich ein Zuhörer zu Wort. Ina Nitzsche vom Stendaler Stadtarchiv klärte auf, dass die Mark hier nicht als Münze verstanden werden darf, sondern als ein Maß für ein Gewicht: ca. 243 g Silber oder Gold. In der Stendaler Judenordnung sei das wertvollere Edelmetall gemeint, wusste die Bibliothekarin und löste auf: »10 Mark waren also etwa 2,5 Kilogramm Gold.«

Judenprivileg bedeutete Einnahmen

 

»Das Judenprivileg war bares Geld, es bedeutete Einnahmen«, sagte Jutta Dick, Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt, die im Stadtarchiv gemeinsam mit den Stendalern in die Geschichte der Judenordnung eintauchte und sie in den großen historischen Kontext einordnete. Im Text ist genau festgeschrieben, was wann bezahlt werden musste. Zitat: »…jeder Jude soll uns für immer von der Mark ein Lot im Jahr geben, aufgeteilt auf zwei Termine, nämlich ein halbes Lot am Fest der heiligen Walburga und ein halbes Lot am Fest des heiligen Martin.« Ein Lot, auch das konnte Ina Nitzsche beisteuern, ist das Sechzehntel einer Mark. 

 

Den Schutzbrief musste man sich also leisten können. Jutta Dick wies darauf hin, dass es auch arme und sogenannte »Betteljuden« gegeben habe. Für diese Menschen sei die Jüdische Gemeinde dem Staat gegenüber in der Pflicht gewesen, wenn etwas passierte: »Sie waren da, aber offiziell gab es sie nicht.« Für die Herrscher bedeutete das Judenprivileg jedoch nicht nur Einnahmen. »Sie mussten sich auch mit dem jüdischen Religionsgesetz auseinandersetzen«, so Jutta Dick. Das werde vor allem bei den Themen Schlachten und Schabbat deutlich und spiegele sich auch in den Geburts- und Sterbeurkunden wider.

 

Geldverleih für Korn- und Tuchhandel

 

Im Zentrum der Wirtschaftstätigkeit der Juden in Stendal stand im 13. Jahrhundert vermutlich die Geldleihe, denn auch dazu findet sich eine Passage in der Urkunde. »Diese ist sicherlich im Zusammenhang mit der Finanzierung des die Wirtschaft Stendals zu dieser Zeit prägenden Korn- und Tuchhandels zu sehen«, meint Felix Escher. Der Historiker findet im Text von 1297 noch ein weiteres Indiz dafür, dass es in Stendal zu dieser Zeit eine bedeutende jüdische Gemeinde gegeben haben muss. So ist an einer Stelle von »Judenschulen« die Rede. »›Judenschul‹ ist die verbreitete Übersetzung für das jüdische Bet- und Lehrhaus (Synagoge). Der hier verwendete Plural, und das ist von den Wissenschaftlern sehr diskutiert worden, lässt vermuten, dass es sich in Stendal um ein vielfach gegliedertes Funktionsgebäude gehandelt hat, dass alle Einrichtungen einer bedeutenden jüdischen Gemeinde, Schul-, Bet- und Lehrhaus, umfasste«, schlussfolgert Escher. 

 

Das Stendaler Stadtarchiv, das die Präsentation der Judenordnung von 1297 professionell vorbereitet hatte, flankierte den »hohen Besuch« mit weiteren bedeutenden Originalen aus seinem Bestand, die jüdische Geschichte in Stendal erzählen, darunter ein Papier der Herzogin Agnes von Braunschweig, Witwe des askanischen Markgrafen Waldemar, vom 11. November 1329. Als »Herrin der Altmark« einigt sie sich darin mit den Juden in Stendal auf eine Zahlung von 20 Mark Silber über sechs aufeinanderfolgende Jahre. 

 

Geschichtswerkstatt plant 15 Stolpersteine

 

Die Geschichtswerkstatt vom Stendaler Bündnis »Herz statt Hetze« möchte die Stendaler Jüdinnen und Juden wieder ins Gedächtnis der Stadt bringen. »Stendal hatte seine besten Zeiten eben mit den Jüdinnen und Juden erlebt. Bis 1942 wurden sie alle vertrieben und vernichtet. Ich hoffe auf andere, bessere Zeiten, wo es selbstverständlich ist, dass Jüdinnen und Juden unter uns leben und das ohne Angst auch sagen können«, verdeutlichte Sylvia Gohsrich ihre Motivation. Die Geschichtswerkstatt will ihren Teil dazu mit örtlicher Aufklärungsarbeit leisten. Ein anderes Mitglied, Dorothea Knauerhase, stellte bei der Veranstaltung im Stadtarchiv das Wirken der Initiative vor, die vermitteln wolle, »dass Willkür und Terror als Folge einer menschenverachtenden Ideologie nicht irgendwo weit weg stattfanden, sondern hier in Stendal.« Dazu gehört es auch, im Stadtbild sichtbar an Jüdinnen und Juden zu erinnern. Zu den bereits vorhandenen fünf Stolpersteinen sind weitere 15 geplant, außerdem soll das Kanzleischild des Juristen Dr. Julius Charig (Karlstraße) konserviert werden. Aber auch den Opfern der sogenannten »Euthanasie« und den Schicksalen von Menschen, die wegen antifaschistischer Aktivitäten verfolgt wurden, möchte sich die Geschichtswerkstatt in Zukunft widmen.

 

Wer mitwirken oder die Arbeit der Geschichtswerkstatt unterstützen möchte, kann hier Kontakt aufnehmen: geschichtswerkstatt-stendal@posteo.de.

 

Spendenkonto:

Altmärkische Bürgerstiftung Hansestadt Stendal

IBAN: DE20 8105 0555 0101 0101 84

Stichwort: Spende Geschichtswerkstatt

 

Weiterführende Informationen:

Der zitierte Text von Felix Escher, 1297: Die Judenordnung von Stendal, in: 100 Schlüsselquellen zur Geschichte von Berlin, Brandenburg und Preußen kann hier gelesen werden: www.hiko-berlin.de/Judenordnung-1297

 

Bericht: Edda Gehrmann

Von einer Boxerfreundschaft

Theateraufführung in der Kunstplatte

TdA-Schaupieler Paul Worms in der Rolle des Hans und im Nachgespräch mit Robert Grzywotz und Sylvia Martin (nb, am)

Rike Reiniger erzählt mit ihrem Theaterstück »Zigeuner-Boxer« die Geschichte einer Freundschaft, die im Dritten Reich nicht bestehen dürfte. Ihr Stück beruht auf dem Leben von Johann Wilhelm »Rukeli« Trollmann, der in den 1930er Jahren zum besten deutschen Boxer aufstieg. Als Sinto wurde Trollmann in das KZ Neuengamme eingeliefert und 1944 im Außenlager Wittenberge ermordet.

 

TdA-Schauspieler Paul Worms spielte eindrücklich, mal nachdenklich und mal explosiv die Figur Hans. Die Erinnerung an Ruki lässt Hans nicht los. Ruki ist der fremde Junge, der Hans auf dem Schulweg zum Geburtstag einen Apfel schenkte. Zwei Jahre später treffen sich die beiden in der Halle des Boxclubs wieder. Sie werden Freunde: der blonde Hans und der »Zigeuner«-Boxer, wie ihn alle nennen. Gemeinsam feiern sie Rukis Siege. Ruki sammelt Meistertitel, boxt in Leipzig, in Hamburg, in Dortmund. Zur Olympiade nach Amsterdam aber darf er nicht. Schließlich geht er nach Berlin, denn dort kann man mit Boxen Geld verdienen. Aber der Einfluss der Nationalsozialisten auf das öffentliche Leben wird immer tiefgreifender und ein Zigeuner-Boxer darf nicht mehr siegen.

 

Die als Klassenzimmerstück über Freundschaft, Nationalsozialismus und Rassismus konzipierte TdA-Inszenierung von Jochen Gehle war einmalig als Abendvorstellung in der Kunstplatte Stendal-Stadtsee zu sehen. Nach der Vorstellung gab es ein Nachgespräch mit Theaterpädagoge Robert Grzywotz, Schauspieler Paul Worms und Dramaturgin Sylvia Martin. Dabei wurde von persönlichen Diskriminierungserfahrungen berichtet. Die Zuschauer interessierte aber auch, wie das Stück in den Schulklassen aufgenommen wird und welche Diskussionen dort stattfinden, denn es sei wichtig den »Anfängen zu wehren«. Jeder selbst müsse für sich den Umgang mit diskriminierenden Begriffen und Zuschreibungen klären, aber auch andere immer wieder darauf hinweisen, wie betroffene Minderheiten bestimmte Bezeichnungen wie beispielsweise das Z- oder N-Wort empfinden.  Paul Worms wies auf den Opportunismus der Figur des Hans hin, der sich durch das ganze Stück zieht, und der sich gut eignet, um mit jungen Menschen über ihre eigenen Haltungen und Handlungen zu sprechen. Einig waren sich alle, Theaterstücke und Gespräche in den Schulen können bei der Aufklärung helfen.

Krieg, Kultur und Mythos

Zeit.Zeugen-Gesprächsrunde des TdA mit Manfred Quiring und Pavlo Arie

Fotos:

Manfred Quiring (priv. Archiv)

Pavlo Arie (Foto Moritz Haase)


Am Donnerstag, den 26. Januar, findet in der Kleinen Markthalle um 19.30 Uhr eine Gesprächsveranstaltung der Reihe Zeit.Zeugen des Theaters der Altmark statt. Unter dem Titel »Krieg, Kultur und Mythos« wird es um den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine gehen.

 

Thema des Gesprächs werden zum einen die Geschichtsmythen sein, die von russischer Seite in Stellung gebracht werden, um den Überfall auf die Ukraine zu rechtfertigen. Zum anderen wird die ukrainische Kultur ins Blickfeld gerückt: Welche Rolle spielt sie in diesem Krieg? Woher rührt ihre identitätsstiftende Kraft? Wie wird der Krieg in der Ukraine in Literatur und Theater reflektiert?

 

Zu Gast ist der ostdeutsche Autor und Journalist Manfred Quiring, Jg. 1948, der sich fast sein ganzes Berufsleben lang mit Russland und der Sowjetunion beschäftigt hat und sowohl vor als auch nach der politischen Wende im Jahr 1989 Korrespondent in Moskau war. Er berichtete für große Tageszeitungen wie Berliner Zeitung, Die Welt, Berliner Morgenpost, Zürcher Sonntagszeitung u.a. und verfasste mehrere Sachbücher zu historischen und aktuellen Themen, die Russland, die Sowjetunion oder die Konflikte in Tschetschenien oder Georgien betreffen.

 

Ebenfalls eingeladen ist der ukrainische Theatermacher Pavlo Arie, der zuletzt Dramaturg am Left Bank Theatre in Kiew war, sich seit dem Ausbruch des Krieges in Deutschland aufhält und hier an verschiedenen Inszenierungen und Theaterprojekten zum Krieg in der Ukraine mitgearbeitet hat, u.a. an der Schaubühne Berlin, dem Berliner Ensemble oder den Münchner Kammerspielen. Er ist Autor vieler Theaterstücke, die auf europäischen Festivals zu sehen waren. Er wurde u.a. mit dem ukrainischen Literaturpreis »Koronazia slova« ausgezeichnet.

 

Moderiert wird der Abend vom Leitenden Dramaturgen des Theaters der Altmark Tristan Benzmüller, Textauszüge werden gelesen von Ensemblemitglied Claudia Tost. Es können auch Fragen aus dem Auditorium gestellt werden. Kostenfreie Karten sind an der Stendaler Theaterkasse oder unter 03931 – 635 777 erhältlich. Es empfiehlt sich eine rechtzeitige Anmeldung, da die Platzkapazität in der Kleinen Markthalle begrenzt ist.

GE(H)DENKEN

Gedenkveranstaltungen in der Altmark am 27.1.2023

Zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus legen in der Hansestadt Stendal um 11 Uhr am Robert-Dittmann-Gedenkstein auf dem Städtischen Friedhof Osterburger Straße Axel Kleefeldt, Stellvertreter des Oberbürgermeisters der Hansestadt Stendal, und der Stadtratsvorsitzende Peter Sobotta Blumen nieder, musikalisch umrahmt von Felix Hünemöller. 

 

Um 15 Uhr startet das Bündnis »Herz statt Hetze« in Stendal am Uenglinger Tor die Stadtrundfahrt »Orte des Unrechts. Eine Radtour auf den Spuren des NS-Staates". Vor 90 Jahren, am 30. Januar 1933 ergriff die NSDAP in Deutschland die Macht und baute Staat und Gesellschaft für ihre kriegerische und menschenfeindliche Politik um. Auch in Stendal finden sich viele Orte des Unrechts, wo der NS-Staat mit tatkräftiger Unterstützung der Bevölkerung Verbrechen gegen die Menschhheit beging. Die Tour wird nach Spuren suchen, bei denen zum Beispiel jüdische Geschäfte zerstört oder arisiert worden, Zwangsarbeit ausgeübt wurde, Kriegsvorbereitung betrieben sowie Menschen ausgegrenzt, verschleppt und ermordet wurden, mit Unterstützung von Polizei und öffentlicher Verwaltung. Warme Kleidung wird empfohlen. Um 17 Uhr endet die Tour mit einer ca. halbstündigen Mahnwache auf dem Winckelmannplatz.

 

Die Veranstaltung der Hansestadt Gardelegen anlässlich des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus wird ab 15.45 Uhr mit dem Postchor der Hansestadt Gardelegen und Jugend-Beiträgen in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe stattfinden. https://gedenkstaette-gardelegen.sachsen-anhalt.de  

 

In Salzwedel findet um 14 Uhr das Gedenken an die Opfer des Holocaust am Rathausturmplatz Salzwedel mit der Stolperstein AG Salzwedel statt. Die Gedenkveranstaltung der Stadt Salzwedel beginnt um 15 Uhr am ehemaligen Außenlager Salzwedel des KZ Neuengamme in der Gardelegener Straße. (https://frauenorte.net/frauenorte/aussenlager-salzwedel-des-kz-neuengamme/) Im Anschluss 15:45 Uhr gibt es eine Gedenkveranstaltung an der Gedenkstätte Ritzer Brücke in Salzwedel, organisiert von »Die Linke«. (https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Gedenkst%C3%A4tte_Ritzer_Br%C3%BCcke.jpg)

Meinen Apfelstrudel sollten Sie sich nicht entgehen lassen

Autorenlesung und Gespräch über Begegnungen in Israel am 28. Januar in Stendal

Fotos: Michael G. Fritz (Foto privat, Buchtitel, Foto ©PRF)

Seit 2013 ist Michael G. Fritz mehrfach nach Israel gereist und in die Welt der dort lebenden Menschen eingetaucht. Daraus entstand sein jüngstes Buch »Meinen Apfelstrudel sollten Sie sich nicht entgehen lassen – Schalom, Begegnungen in Israel«. Auf Einladung der Initiative »Herz statt Hetze« kommt der Schriftsteller damit am Sonnabend, 28. Januar, um 19.00 Uhr nach Stendal. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Denken ohne Geländer« lässt er im Cordatussaal am Dom St. Nikolaus seine Gespräche und Erlebnisse mit Israelis lebendig werden. 

 

Fritz traf u. a. eine Lehrerin, die ihm den Buchtitel lieferte, einen Ziegenhirten, einen Hobbykoch und eine Rabbinerin, stieg in den Jordan, besuchte ein Rockkonzert in der Wüste und einen Kibbuz. Die Zugewandtheit der Israelis dem Fremden gegenüber faszinieren ihn genauso wie die ungeheure Vielfalt der Kulturen in diesem multikulturellen Land mit vielen Traditionen, in dem drei Weltreligionen auf engstem Raum beieinander sind, wenn auch nicht konfliktfrei. Michael G. Fritz ist verblüfft darüber, wie ungezwungen die meisten jüdischen Israelis mit der Shoah umgehen und über das große Interesse an Deutschland.

 

Wie lebt es sich in Israel, in einem Land, das auf mehr als viertausend Jahre zurückblickt und sich so sehr aus der eigenen Geschichte heraus definiert? Mit dieser Frage geht Michael G. Fritz offen, unvoreingenommen und neugierig auf die Menschen zu. Er erzählt mit Humor und Leichtigkeit, spart jedoch Konflikte, Terroranschläge und soziale Gegensätze nicht aus. Und immer schwingen die Geschichte Europas und Deutschlands, die familiären Lebensläufe im Hinter- oder Vordergrund mit. »Jeder Beitrag, der den Blick auf Israel weitet, rüttelt an überkommenen plakativen Narrativen. Das Buch scheint dafür in seiner feinen Prosa sehr geeignet zu sein«, sagt Dorothea Knauerhase von der Initiative »Herz statt Hetze«, die den Autor nach Stendal eingeladen hat. Im Anschluss an die Lesung, die von der Evangelischen Stadtgemeinde Stendal unterstützt wird, ist Gelegenheit, mit ihm ins Gespräch zu kommen. 

 

Der 69-jährige, der in Dresden und Berlin lebt, bringt selbst eine interessante Lebensgeschichte mit. Michael G. Fritz wurde 1953 in Ostberlin geboren und hatte ursprünglich eine andere berufliche Laufbahn im Sinn. Er studierte Tiefbohrtechnik an der Bergakademie Freiberg, wurde jedoch 1975 aus politischen Gründen exmatrikuliert. Danach verdiente er sein Geld einige Zeit als Lagerarbeiter, Beifahrer und mit verschiedenen Tätigkeiten in den Städtischen Bibliotheken Dresden. Nach seiner Rehabilitierung 1993 wurde ihm das Diplom der Bergakademie zuerkannt. »Meinen Apfelstrudel sollten Sie sich nicht entgehen lassen – Schalom, Begegnungen in Israel« ist sein 11. Buch. Das erste, »Vor dem Winter«, ein Band mit Erzählungen, erschien 1987 noch im Verlag Neues Leben in der DDR. 

 

Der Eintritt zur Autorenlesung mit Gespräch am 28. Januar in Stendal ist frei.   

Die Winckelmann-Buchhandlung stellt freundlicherweise einen Büchertisch zur Verfügung.

Fotonachweis: Die Fotos wurden von Volker Brahms (vb), Nilz Böhme (nb), Magdalena Burkhardt (mb), Mohannad Imbrahimkahilo (mi), Kerstin Jana Kater (kk), Claudia Klupsch (ck), Aud Merkel (am) und Annika Path (ap) erstellt.