Zivilgesellschaft, Emanzipation und Heterogenität

Vortrag von Dr. Lutz Fiedler

Dr. Lutz Fiedler / Foto: Aud Merkel
Dr. Lutz Fiedler / Foto: Aud Merkel

In diesem Jahr wird bundesweit mit vielen Veranstaltungen an 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland erinnert. Ein bis heute aktueller Teil dieser Geschichte sind die unterschiedlichen Ideen der Emanzipation, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert in den ost- und westeuropäischen Judenheiten kontrovers diskutiert wurden. Auf sie reagierten antisemitische Bewegungen, denen wiederum von jüdischer Seite auf eine Weise begegnet wurde, die Umrisse einer demokratischen Zivilgesellschaft sichtbar werden lässt. 

 

Diese historischen und zugleich aktuellen Themen -  Zivilgesellschaft, Emanzipation und Heterogenität – stehen im Mittelpunkt der Eröffnung der Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer« am 25. Januar um 10 Uhr mit Dr. Lutz Fiedler vom Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg an der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

Lutz Fiedler vertritt derzeit die Professur für Israel- und Nahoststudien an der Universität Heidelberg und war 2019 schon einmal in Stendal zu Gast bei »Denken ohne Geländer«. Damals sprach er mit Prof. Dr. habil. Dan Diner über Kollektivgewalt und Gedächtnis. 

 

Sein aktueller Vortrag bietet mit einer historischen Rückschau Grundlagen für ein Gespräch über jüdisch-deutsche Vergangenheit und Gegenwart.

 

Um an der Online-Veranstaltung digital teilnehmen zu können, sollten Anmeldungen rechtzeitig unter 03931 - 63 57 77 oder besucherservice@tda-stendal.de erfolgen.

Positionen zuR jüdischen Gegenwart

Redakteurinnen der Zeitschrift »Jalta« im TdA-»Zeit.Zeugen«-Gespräch

Lea Wohl von Haselberg / Foto: privat

Anna Schapiro / Foto: Meret Freisen


Das Format des Theaters der Altmark »Zeit.Zeugen« befasst sich mit gesellschaftlich relevanten Themen und bringt Experten*innen mit interessierten Gästen ins Gespräch. Am 25. Januar um 18 Uhr lädt Dramaturg Tristan Benzmüller in einer Online-Veranstaltung im Rahmen von »Denken ohne Geländer« mit Anna Schapiro und Lea Wohl von Haselberg zwei Herausgeberinnen der Zeitschrift »Jalta« ein, um mit ihnen über ihre Motivationen und Anliegen zu sprechen. Von der Schauspielerin Kathrin Berg gelesene Auszüge geben einen Eindruck von den literarischen und journalistischen Texten der Zeitschrift.

 

Die 2017 gegründete Zeitschrift »Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart« bietet ein Forum, in dem jüdische wie nicht-jüdische Stimmen zu Wort kommen. Die Beiträge stellen mehrheitsgesellschaftliche Deutungsmuster in Frage, spiegeln die Diversität der Post-Migrationsgesellschaft wider und zeigen Möglichkeiten der Allianzbildung auf. Die Vielfältigkeit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland schöpft sich nicht nur aus der Existenz von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, Israel, der BRD und der ehemaligen DDR. Sie ergibt sich auch aus Generationsunterschieden und der Entwicklung neuer Institutionen.

 

Erkundungen alternativer Modelle für ein gesellschaftliches Zusammenleben übersteigen eine oftmals erstarrte Erinnerungskultur, von der die deutsche Öffentlichkeit geprägt ist. Was Juden und Jüdinnen heute in Deutschland sind, kann nicht mehr nur im Kontext der Shoah, des Antisemitismus und Israels erfasst werden. Anna Schapiro und Lea Wohl von Haselberg sprechen über die Inhalte und Ziele der Zeitschrift und diskutieren vor diesem Hintergrund auch das Programm von »Denken ohne Geländer«.

 

Die in Moskau geborene Künstlerin Anna Schapiro studierte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie der Universidade do Porto und schloss 2017 mit dem Meisterschülerabschluss ab. Von 2017 bis 2018 studierte sie Jüdische Studien am European Institute for Jewish Studies in Stockholm. Anna Schapiro ist Mitbegründerin und Mitherausgeberin der Zeitschrift »Jalta«.

 

Dr. Lea Wohl von Haselberg ist Film- und Medienwissenschaftlerin und forscht und schreibt zu deutsch-jüdischen Themen sowie zur Erinnerungskultur. Nach dem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Frankfurt am Main promovierte sie in Hamburg und Haifa mit einer Arbeit über jüdische Spielfilmfiguren im westdeutschen Film und Fernsehen.

 

Anmeldungen zur kostenlosen Online-Veranstaltung sollten rechtzeitig unter info@denken-ohne-gelaender.de gerichtet werden.

GEDENKSTÄTTE FELDSCHEUNE ISENSCHNIBBE GARDELEGEN

Aktion #LichterGegenDunkelheit am 27. Januar

©  Gedenkstätte Gardelegen
© Gedenkstätte Gardelegen

Wegen der Corona-Pandemie finden in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen keine öffentliche Veranstaltung zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und auch keine Führungen im Rahmen von »Denken ohne Geländer« statt. Die Mitarbeiter laden zur digitalen Beteiligung an der bundesweiten Lichtaktion #LichterGegenDunkelheit ein.

 

Mitmachen ist einfach: zum bundesweiten Gedenktag am 27. Januar sind alle eingeladen, zu Hause eine Kerze zum Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten Menschen zu entzünden. Anschließend können selbst erstellte Fotos und Videos der Kerzen unter den Hashtags #LichterGegenDunkelheit und #SachsenAnhaltErinnert in den sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. So entsteht eine digitale Lichterkette. 

 

Individuelle Foto- und Videobotschaften können auch per Mail geschickt werden an Gedenkstätte Gardelegen: info-isenschnibbe@erinnern.org.

 

Weitere Informationen finden Sie unter: https://gedenkstaette-gardelegen.sachsen-anhalt.de/news-detail/news/gedenkstaette-gardelegen-digitales-mitmach-gedenken-am-27-januar-2021/

Hans und der Boxer Ruki

Klassenzimmerstück über Diskriminierung und Gewalt

Rike Reiniger / Foto: Assmann Berlin
Rike Reiniger / Foto: Assmann Berlin

Die Geschichte des Boxers Johann Trollmann hat Autorin Rike Reiniger zu einem Klassenzimmerstück für einen Schauspieler bearbeitet. Das Theater der Altmark bereitet derzeit die Inszenierung „Zigeuner-Boxer“ vor und lädt im Rahmen von »Denken ohne Geländer« zu einer Online-Veranstaltung am 28.1. um 16 Uhr ein.

 

Johann Wilhelm »Rukeli« Trollmann, genannt Ruki und 1907 in Hannover geboren, stieg in den 1930er Jahren zum besten deutschen Boxer auf. Im Jahr 1933 wurde er Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Als Sinto wurde er jedoch zunehmend diskriminiert, in das KZ Neuengamme deportiert und 1944 im Außenlager Wittenberge ermordet.

 

Rike Reiniger entwickelte aus der realen Geschichte ein fiktives Theaterstück über die Freundschaft zweier Boxer, die im Nationalsozialismus nicht bestehen durfte. Die persönliche Erzählung aus Perspektive von Hans bietet reichlich Stoff, um über aktuelle Haltungen zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt zu diskutieren.

 

TdA-Dramaturgin Sylvia Martin hat neben der Autorin auch Dr. Sevasti Trubeta von der Hochschule Magdeburg-Stendal eingeladen, die in Stendal über Minderheiten, Migration und Rassismus lehrt und forscht. Gemeinsam sprechen sie über die Entstehung des Stückes, über historische Kontexte und aktuelle Bezüge. Schauspieler Paul Worms liest Auszüge aus dem Theaterstück.

 

Anmeldungen zu dieser Online-Veranstaltung sollten rechtzeitig über die Theaterkasse 03931 - 63 57 77 oder unter besucherservice@tda-stendal.de gerichtet werden.

Familie Brasch

Ostdeutsch-jüdische Geschichtserfahrungen

Ofer Waldman / Foto: Tal Alon
Ofer Waldman / Foto: Tal Alon

Im Rahmen der Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer« findet am 28. Januar um 18 Uhr ein Online-Vortrag zum Dokumentarfilm »Familie Brasch« mit Dr. Ofer Waldman statt, der ab 16 Uhr gezeigt wird.

 

Die ostdeutsche Funktionärs- und Künstlerfamilie Brasch ist 2018 in einem Film von Annekatrin Hendel portraitiert worden. Mit Bettina Wegner, Christoph Hein und Katharina Thalbach kommen Weggefährt*innen zu Wort, deren Erinnerungen nicht nur der Familie gelten, sondern auch ein Stück DDR-Geschichte erzählen. Von der Familie Brasch lebt heute nur die jüngste Tochter der Familie, die 1961 in der DDR geborene Autorin und Radiomoderatorin Marion Brasch, die im Film von ihren Erlebnissen berichtet. In seinem Vortrag geht Dr. Ofer Waldman zunächst auf die ›älteren‹ Generationen, den West-Remigranten und Honecker-Gefährten Horst Brasch sowie den Bühnenautoren und Poeten Thomas Brasch ein. Er wirft die Frage auf, welche jüdischen Geschichtserfahrungen im Leben dieser (fast) drei Generationen bedeutsam wurden und lädt dazu ein, die DDR auch im Lichte ihrer widersprüchlichen ostdeutsch-jüdischen Geschichte zu betrachten.

 

Dr. Ofer Waldman, der in der Bundesrepublik ebenso zu Hause ist wie in Israel, ist Musiker, Journalist und Radioautor. In seiner Dissertation hat er sich intensiv mit dem Bühnenautor und Poeten Thomas Brasch befasst.

 

Anmeldungen zum Online-Vortrag bitte rechtzeitig an info@denken-ohne-geleander.de.

VOR UND NACH »HALLE«

Aktueller Antisemitismus und Gegenwehr

Benjamin Steinitz. / Foto: RIAS Berlin
Benjamin Steinitz. / Foto: RIAS Berlin

In der Online-Veranstaltung „Vor und nach ’Halle’“, die am 29. Januar um 10 Uhr stattfindet, stellt Benjamin Steinitz vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS) Ergebnisse einer Studie vor, in der Antisemitismus aus der Perspektive von Juden*Jüdinnen in Sachsen-Anhalt beschrieben wird.

 

Der rechtsterroristische Anschlag von Halle kam nicht aus dem Nichts, vielmehr ist Antisemitismus ein integraler Bestandteil rechter Szenen in Sachsen-Anhalt. Darauf geht Benjamin Steinitz ebenso ein wie auf Antisemitismus, wie er sich aus der Sicht von Juden*Jüdinnen darstellt. Anna Schapiro, Mitbegründerin und Herausgeberin von »Jalta« – Zeitschrift für jüdische Gegenwart, schildert, wie sie den Prozess gegen den Attentäter erlebt hat und inwieweit den angegriffenen Menschen dort wie auch in den Medien angemessener Raum verschafft wurde. Beide Referent*innen werfen auch die Frage danach auf, wie dem aktuellen Antisemitismus in Sachsen-Anhalt effektive begegnet werden kann und muss. Mit den Teilnehmern soll es zu einem Austausch kommen

 

Anmeldungen können unter info@denken-ohne-gelaender.de erfolgen.

LANDESDEMOKRATIEKONFERENZ UND GEDENKEN IN HALLE

Ein Jahr nach dem Attentat in Halle – Gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus

Am 9. Oktober 2020 jährte sich der antisemitische und rassistische Terroranschlag von Halle zum ersten Mal. Im Rahmen des Gedenkens fand neben verschiedenen Gedenkveranstaltungen auch die Landesdemokratiekonferenz »Ein Jahr nach dem Attentat in Halle – Gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus« mit Expert*innen zur Analyse und zur Entwicklung von Gegenstrategien statt.

 

Vertreter*innen der Jüdischen Gemeinde, der Zivilgesellschaft sowie des Bundes und des Landes verständigten sich darüber, wie Antisemitismus und Rassismus der Nährboden entzogen und wie derartige Angriffe verhindert werden können.

 

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, betonte, dass Demokratie gepflegt und verteidigt werden müsse. In vielen Ländern bezahlten Menschen mit ihrer Freiheit und ihrem Leben dafür, dass die Blume der Demokratie aufblüht, und bei uns sei sie da, aber gefährdet. »Es geht nicht nur um Antisemitismus, Rassismus, es geht auch um Hass, Aggression, Intoleranz in der Gesellschaft, und die ist wirklich tödlich.«

 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte im Anschluss auf der Gedenkveranstaltung: »Menschenfeindlichkeit trifft nicht jeden, aber sie betrifft uns alle. Denn sie ist ein Angriff auf die offene Gesellschaft. Sie trifft unsere Demokratie ins Herz. Das dürfen wir nicht zulassen! Und ich bin sicher, die meisten Menschen in unserem Land wollen das nicht zulassen. Deshalb lassen Sie uns zusammenstehen, Christen, Juden und Muslime, Gläubige und Atheisten, Ost- und Westdeutsche, neu Zugewanderte und Alteingesessene. Wir stehen zusammen gegen Antisemitismus, gegen Rassenhass, gegen Muslimfeindlichkeit, gegen Menschenfeindlichkeit. Hier in Halle und überall in Deutschland.«

 

Prof. Dr. Katrin Reimer-Gordinskaya und Jürgen Lenski nahmen an der Landesdemokratiekonferenz teil. DENKEN OHNE GELÄNDER schrieb der Jüdischen Gemeinde Halle nach dem Attentat diesen Brief.

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PROBLEMBESCHREIBUNG: ANTISEMITISMUS IN SACHSEN-ANHALT

Studie vom Bundesverband RIAS e.V. im Auftrag der Landesregierung Sachsen-Anhalt

Die Problembeschreibung beruht auf einer Befragung von Mitgliedern jüdischer Communities, die ihre Erfahrungen mit Antisemitismus schildern und die bisherigen Umgangsweisen in LSA mit ihm einschätzen. 

Zudem werden polizeiliche und zivilgesellschaftliche Daten zu antisemitischen Vorfällen und Straftaten im Bundesland vergleichend analysiert, wodurch das Dunkelfeld teilweise ausgeleuchtet werden kann. 

Hier kann die vollständige Studie abgerufen werden:

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Problembeschreibung_Antisemitismus_in_LS
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VÖLKISCHE LANDNAHME

Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos

Anfang Oktober fand in Stendal eine Buchpräsentation mit Andreas Speit, organisiert von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, statt. Es gab viele Nachfragen und Redebeiträge, weil sich die Zivilgesellschaft in der Altmark-Region mit diesen Erscheinungen unmittelbar auseinandersetzen muss.

 

Seit Jahren siedeln sich junge Rechtsextreme bewusst in ländlichen Regionen an, um dort generationsübergreifend »nationale Graswurzelarbeit« zu betreiben. Dieser unauffällige Aktionismus ist gegen die moderne und liberale Gesellschaft der Großstädte gerichtet, es herrschen alte Geschlechterbilder und autoritäre Erziehungsmuster vor. Die Aussteiger von rechts betreiben ökologische Landwirtschaft, pflegen altes Handwerk und nationales Brauchtum, organisieren Landkaufgruppen und eigene Wirtschaftsnetzwerke, die bundesweit agieren. Sie bringen sich in örtlichen Vereinen ein und gehen in die lokale Politik, um Umweltschutz mit »Volksschutz« zu verbinden und eine angebliche »Überfremdung« zu verhindern.

 

Die beiden ausgewiesenen Rechtsextremismus-Experten Andrea Röpke und Andreas Speit verfolgen seit Jahren diese kaum beachtete Entwicklung. Sie zeigen die historischen Wurzeln und aktuellen Vernetzungen auf, die bis in die Parlamente reichen. Dabei wird deutlich: Hier handelt es sich um eine unterschätzte Gefahr. 

 

Andrea Röpke/Andreas Speit, Seiten: 208, Bonn 2019, Bestellnummer: 10311. Das Buch kann bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden.