Zivilgesellschaft, Emanzipation und Heterogenität

Vortrag von Dr. Lutz Fiedler

Dr. Lutz Fiedler / Foto: Aud Merkel
Dr. Lutz Fiedler / Foto: Aud Merkel

»Denken ohne Geländer« 2021 wurde am 25. Januar mit einem Vortrag von Dr. Lutz Fiedler eröffnet. Der Experte für jüdische Geschichte forscht am Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg an der Humboldt-Universität zu Berlin und lehrt an der Hochschule Heidelberg Israel- und Nahoststudien. Unter der Überschrift »Zivilgesellschaft, Emanzipation und Heterogenität« nahm er sein via Zoom zugeschaltetes Auditorium mit durch einen Abriss jüdischer Geschichtserfahrungen im 19. und 20. Jahrhundert. 

 

Ausgehend von der französischen Revolution 1789 zeichnete Lutz Fiedler nach, wie die Entwicklung des modernen, territorialen Nationalstaates die traditionelle Lebensweise von Jüdinnen und Juden herausforderte. Der Kerngedanke: Aus einem Kollektiv ohne eigenes Territorium, das über ein hohes Maß an kollektiver Selbstverwaltung verfügte, wurde das Judentum konfessionalisiert und wurden Juden zu nationalen bzw. religiösen Minderheiten, die um ihren Platz in der Gesellschaft kämpfen müssen. Dabei führen verschiedene geopolitische Konstellationen und Erfahrungen zu einem unterschiedlichen Selbstverständnis. Während sich Juden in Osteuropa als verstreutes Volk begreifen und ihre Anerkennung als Nation anstrebten, wandelte sich das Judentum in Westeuropa »von einem Rechtssystem zum bloßen Glauben«, so Dr. Fiedler.

 

Die Konfessionalisierung wird zu einer Strategie, um sich zu emanzipieren. »Es ging so weit, dass in Synagogen Orgel gespielt und in Gotteshäusern deutsch gesprochen wurde. Damit verbindet sich die Vorstellung von Seiten der Mehrheitsgesellschaft, Juden müssen so werden wie wir, damit sie Teil des Gemeinwesens werden können«, erklärte der Referent. Die Folge sind mehr oder weniger (un)freiwillige Assimilationsstrategien. Diese historische Erfahrung von Jüdinnen und Juden in Deutschland führte ihn zu der hoch aktuellen Frage: »Wie geht Mehrheitsgesellschaft mit Differenzen um? Wie stark ist die Teilhabe am Gemeinwesen immer noch von der Erwartung der kulturellen Assimilation geprägt? Wie können wir Differenz viel stärker als Teil von Gemeinwesen begreifen?« 

 

Damit schloss der Eröffnungsvortrag den Kreis zum Anliegen der Woche »Denken ohne Geländer«, die von den Veranstaltenden mit begrüßenden Worten eingeleitet wurde. Theaterintendant Wolf E. Rahlfs verwies angesichts der aktuellen Entwicklungen »am scheinbaren Rand der Gesellschaft« darauf, wie wichtig ein faktenreicher, offener, transparenter Dialog geworden ist. Stichworte: Querdenker, Kapitol und Reichstag. »Die Themen, um die es hier geht: Antisemitismus, jüdisches Leben, offene Gesellschaft sind durch Corona nicht vom Tisch, sie haben an Brisanz zugenommen«, sagte der Intendant. Cornelia Habisch, stellvertretende Direktorin der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, knüpfte dort an und hob die besondere Qualität der Woche hervor, die in der Kooperation von Zivilgesellschaft, Bürgerschaft, Wissenschaft, Kultur, Hochschule, verschiedener Schulen und vieler weiterer Partner liege. Die Reflexion des historischen Anlasses, die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, sei nach wie vor wichtig. 

 

»Das Gedenken rund um den 27. Januar ist ein wesentlicher Kern dieser Woche«, so Prof. Katrin Reimer-Gordinskaya von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Das darauf bezogene »Denken ohne Geländer« solle dabei auch die Vor- und Nachgeschichte des Holocaust bis in die Gegenwart in den Blick nehmen: »Wir selber sind Adressat*innen, um miteinander ins Gespräch zu kommen, nachzudenken und reflektierter zu werden. Es geht um die Fragen: Wie können wir eine neue Gedenkpraxis entwickeln und (auch dadurch) das gegenwärtige Miteinander so gestalten, dass sich eine solidarische Gesellschaft entwickelt?«

 

Bericht: Edda Gehrmann

Hinweise


Postsäkulare Politik? Emanzipation, jüdische Erfahrungen und Gemeinschaften heute. Herausgegeben von Christian Schmidt und Lutz Fiedler, voraussichtlich lieferbar ab 26.5.2021

 

Im Internet kann die als Buch bearbeitete Dissertation von Dr. Lutz Fiedler heruntergeladen werden:

(PDF) Matzpen. Eine andere israelische Geschichte | Lutz Fiedler - Academia.edu

Perspektivwechsel – Masel Tov Cocktail

Studierende diskutieren mit Schülern über den Film

Am 25. Januar sahen sich Studierende der Hochschule Magdeburg-Stendal im Rahmen von »Denken ohne Geländer« gemeinsam mit Schüler*innen einer 10. Klasse des Osterburger Markgraf-Albrecht-Gymnasiums, das am Projekt »Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage« teilnimmt, den Kurzfilm „Masel Tov Cocktail“ von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch an. Danach wurden in digitalen Räumen in Kleingruppen und abschließend in einer gemeinsamen Runde die vielschichtigen Themen des Filmes diskutiert. Es ging vor allem darum, sich von der Perspektive des 16jährigen Protagonisten Dima irritieren zu lassen: Als Sohn sowjetisch-jüdischer Einwanderer ist er genervt von den unreflektierten Zuschreibungen seiner nichtjüdischen Mitschüler*innen und Lehrer*innen. Für die Schüler*innen aus Osterburg war diese Sichtweise neu. Lehrer Clemens Fischer schickte uns ihre Eindrücke: 

 

… also ich fand den Film interessant, vor allem mal aus einem anderen Blickwinkel gedreht auch wenn manche Sachen vielleicht ein bisschen überspitzt waren … wobei ich es auch sehr schön fand mit Leuten, die da richtig so ein Programm haben und sich damit auskennen, eine Austauschmöglichkeit zu haben … der Film half auch nochmal dabei zu zeigen, dass Antisemitismus und alles drum herum auch heute noch sehr aktuell ist … ich habe gewusst, dass der Antisemitismus in unserer heutigen Gesellschaft noch ein Problem ist, aber nicht, dass es so schlimm einzelne Personen betrifft und das manche Menschen nicht einmal vernünftig mit Juden reden können 

… den Film fand ich auch sehr interessant und aufschlussreich. Er war auch gut gemacht und vor allem auch für die jüngere Generationen sehr ansprechend. Dieses Projekt an sich finde ich auch sehr wichtig. Man sollte viel darüber sprechen und es auf keinen Fall in Vergessenheit geraten lassen. Es war sehr gut, dass man erst in kleine Gruppen aufgeteilt wurde und jeder die Chance hatte seine Gedanken zu dem Thema zu äußern … die Diskussionsrunde am Ende hat mir gut gefallen. Allerdings fand ich auch, dass die Leute untereinander teilweise sehr themenspezifisch geworden sind bzw. in Themen abgetriftet sind, die wir noch nicht unbedingt verstehen / uns damit auskennen. Dadurch fiel es einem an manchen Stellen ein wenig schwer ihnen zu folgen. Aber so an sich fand ich das Projekt sehr interessant und aufschlussreich … außerdem fand ich gut, dass wir nicht nur untereinander darüber gesprochen hatten, sondern auch ein Moderator (Student/in) der oder die das Eis gebrochen haben. Natürlich wäre es noch ein wenig lockerer gewesen hätten wir uns alle in Person gesehen, aber das geht ja leider nicht unter den gegebenen Umständen. Es war lehrreich und man hat viele Sachen aus einer neuen Perspektive gesehen. Ich hoffe wir machen so etwas noch mal. Viele Grüße … also ich fand es gut, sich mal so über das Thema zu unterhalten und das auch von mehreren Zuhören auch die Gespräche in den kleinen Gruppen fand ich sehr gut. Den Film fand ich auch gut gemacht, ich fand es an manchen Stellen vielleicht bisschen übertrieben, weil man das bei uns nicht so kennt und ich mir nicht vorstellen konnte, dass es so schlimm ist, aber im allgemeinen fand ich alles sehr gut …

Positionen zuR jüdischen Gegenwart

Redakteurinnen der Zeitschrift »Jalta« im TdA-»Zeit.Zeugen«-Gespräch

Lea Wohl von Haselberg / Foto: privat

Anna Schapiro / Foto: Meret Freisen


Das Format des Theaters der Altmark »Zeit.Zeugen« befasst sich mit gesellschaftlich relevanten Themen und bringt Experten*innen mit interessierten Gästen ins Gespräch. Am 25. Januar um 18 Uhr lädt Dramaturg Tristan Benzmüller in einer Online-Veranstaltung im Rahmen von »Denken ohne Geländer« mit Anna Schapiro und Lea Wohl von Haselberg zwei Herausgeberinnen der Zeitschrift »Jalta« ein, um mit ihnen über ihre Motivationen und Anliegen zu sprechen. Von der Schauspielerin Kathrin Berg gelesene Auszüge geben einen Eindruck von den literarischen und journalistischen Texten der Zeitschrift.

 

Die 2017 gegründete Zeitschrift »Jalta. Positionen zur jüdischen Gegenwart« bietet ein Forum, in dem jüdische wie nicht-jüdische Stimmen zu Wort kommen. Die Beiträge stellen mehrheitsgesellschaftliche Deutungsmuster in Frage, spiegeln die Diversität der Post-Migrationsgesellschaft wider und zeigen Möglichkeiten der Allianzbildung auf. Die Vielfältigkeit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland schöpft sich nicht nur aus der Existenz von Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion, Israel, der BRD und der ehemaligen DDR. Sie ergibt sich auch aus Generationsunterschieden und der Entwicklung neuer Institutionen.

 

Erkundungen alternativer Modelle für ein gesellschaftliches Zusammenleben übersteigen eine oftmals erstarrte Erinnerungskultur, von der die deutsche Öffentlichkeit geprägt ist. Was Juden und Jüdinnen heute in Deutschland sind, kann nicht mehr nur im Kontext der Shoah, des Antisemitismus und Israels erfasst werden. Anna Schapiro und Lea Wohl von Haselberg sprechen über die Inhalte und Ziele der Zeitschrift und diskutieren vor diesem Hintergrund auch das Programm von »Denken ohne Geländer«.

 

Die in Moskau geborene Künstlerin Anna Schapiro studierte an der Hochschule für Bildende Künste Dresden sowie der Universidade do Porto und schloss 2017 mit dem Meisterschülerabschluss ab. Von 2017 bis 2018 studierte sie Jüdische Studien am European Institute for Jewish Studies in Stockholm. Anna Schapiro ist Mitbegründerin und Mitherausgeberin der Zeitschrift »Jalta«.

 

Dr. Lea Wohl von Haselberg ist Film- und Medienwissenschaftlerin und forscht und schreibt zu deutsch-jüdischen Themen sowie zur Erinnerungskultur. Nach dem Studium der Theater-, Film- und Medienwissenschaften in Frankfurt am Main promovierte sie in Hamburg und Haifa mit einer Arbeit über jüdische Spielfilmfiguren im westdeutschen Film und Fernsehen.

 

Anmeldungen zur kostenlosen Online-Veranstaltung sollten rechtzeitig unter info@denken-ohne-gelaender.de gerichtet werden.

GEDENKSTÄTTE FELDSCHEUNE ISENSCHNIBBE GARDELEGEN

Aktion #LichterGegenDunkelheit am 27. Januar

©  Gedenkstätte Gardelegen
© Gedenkstätte Gardelegen

Wegen der Corona-Pandemie finden in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen keine öffentliche Veranstaltung zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und auch keine Führungen im Rahmen von »Denken ohne Geländer« statt. Die Mitarbeiter laden zur digitalen Beteiligung an der bundesweiten Lichtaktion #LichterGegenDunkelheit ein.

 

Mitmachen ist einfach: zum bundesweiten Gedenktag am 27. Januar sind alle eingeladen, zu Hause eine Kerze zum Gedenken an die im Nationalsozialismus ermordeten Menschen zu entzünden. Anschließend können selbst erstellte Fotos und Videos der Kerzen unter den Hashtags #LichterGegenDunkelheit und #SachsenAnhaltErinnert in den sozialen Netzwerken veröffentlicht werden. So entsteht eine digitale Lichterkette. 

 

Individuelle Foto- und Videobotschaften können auch per Mail geschickt werden an Gedenkstätte Gardelegen: info-isenschnibbe@erinnern.org.

 

Weitere Informationen finden Sie unter: https://gedenkstaette-gardelegen.sachsen-anhalt.de/news-detail/news/gedenkstaette-gardelegen-digitales-mitmach-gedenken-am-27-januar-2021/

Kinder, die ankamen und Kinder, die zurückblieben

Vortrag über Kindertransporte nach England mit Prof. Dr. Paul Weindling

Zur Ringvorlesung an der Hochschule Magdeburg-Stendal im Rahmen von »Denken ohne Geländer« hatte Dr. Sevasti Trubeta am 26. Januar den renommierten Historiker Prof. Dr. Paul Weindling von der Oxford Brookes University eingeladen, um über die Kindertransporte zu sprechen, die von Dezember 1938 bis zum Mai 1940 jüdische Kinder aus Wien und anderen vom NS-Regime besetzten Ländern vor allem nach England brachten.

 

Jüdische Hilfsorganisationen und karitative Verbände in England und Deutschland begannen nach der sogenannten »Reichskristallnacht«, dem reichsweit organisierten Pogrom, Kindertransporte zu organisieren. Vor allem jüdische Kinder aus sozial benachteiligten Familien sollten die Möglichkeit bekommen, den zunehmenden Repressalien und Gefahren des Nationalsozialismus zu entfliehen. Die Kinder kamen in Gastfamilien, Heime oder Ferienlager. Ältere Kinder zwischen 16 und 18 Jahren wurden in der Landwirtschaft und in der Krankenpflege ausgebildet.

 

Die Abwicklung und Organisation sollte geordnet erfolgen. Neben der staatlichen Vorgabe, einen Bürgen zu stellen, der sicherstellen musste, dass die Kinder Großbritannien nichts kosten würden, mussten die Kinder u.a. einen Gesundheitsnachweis erbringen. Die auf englischer Seite zuständige Lola Hahn-Warburg forderte außerdem, dass nur Kinder zugelassen werden, die ›geistig gesund‹ und ›intelligent‹ waren. Kinder, denen zugeschrieben wurde, psychisch krank, lernschwach oder schwer erziehbar zu sein, wurden meist aussortiert. Diese Facetten der Selektion von Kindern ist bisher wenig betrachtet worden, gehört jedoch zu den schmerzlichen Schattenseiten der Kindertransporte, so Prof. Weindling.

 

An Hand von Fotos und Dokumenten der Transporte von Wien zeigte Prof. Weindling anschaulich, was der bürokratische Auswahlakt für die einzelnen Kinder und Familien bedeutete. Einige der Kinder, die zurückgewiesen wurden, überlebten, die meisten wurden in die östlichen Vernichtungslager deportiert und dort ermordet. Unter den beispielhaft aufgezeigten Einzelschicksalen von Kindern, die sich um einen Transport nach England bemüht hatten, stellte Prof. Weindling auch seine Mutter Erika Gutmann vor. Sie hatte Glück, wurde ausgewählt und überlebte den Holocaust.

 

Betont wurde eine enorme Selbständigkeit der Kinder. Um aus ihrer bedrohlichen Gegenwart in eine hoffnungsvollere Zukunft zu entfliehen, holten sie oft ohne Hilfe von Erwachsenen, Erkundungen ein, schrieben Briefe mit Gesuchen und Selbstbeschreibungen. Nicht alle hatten damit Erfolg. Die Überlebenden erhielten erst im Jahr 2019 eine Entschädigung, wobei die als unangemessen empfundene Summe von 2500 Euro oftmals an Fluchthilfeorganisationen gespendet wurde. 

 

Nach dem Vortrag, an dem 116 Personen teilnahmen, beantwortete Prof. Weindling in einem ausführlichen Diskussionsteil viele Fragen, die auch einen Bogen zu heutigen Flucht- und Migrationserfahrungen von Kindern schlugen. Der Vortrag zeigte die Problematik der praktizierten Selektion und die Ambivalenzen unter den Helfer*innen und Organisator*innen auf. Er zeigte aber auch eine beispiellose Hilfsaktion. Etwas mehr als 9.000 jüdische Kinder konnten über England vor dem Holocaust gerettet werden. Prof. Weindling betonte neben den Schattenseiten, an die man am Vorabend des 27. Januar denke, solle auch mit Stolz an die vielen Menschen aus der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und aus der britischen Aufnahmegesellschaft erinnert werden, die damals Leben gerettet haben. 

 

Bericht: Aud Merkel

Workshop zum Klassenzimmerstück über Diskrimierung und Gewalt

Rike Reiniger / Foto: Assmann Berlin

Dr. Sevasti Trubeta / Foto: privat


Die Geschichte des Boxers Johann Trollmann hat Autorin Rike Reiniger zu einem Klassenzimmerstück für einen Schauspieler bearbeitet. Das Theater der Altmark bereitet derzeit die Inszenierung »Zigeuner-Boxer« vor und lädt im Rahmen von »Denken ohne Geländer« zu einer Online-Veranstaltung am 28.1. um 16 Uhr ein.

 

Johann Wilhelm »Rukeli« Trollmann, genannt Ruki und 1907 in Hannover geboren, stieg in den 1930er Jahren zum besten deutschen Boxer auf. Im Jahr 1933 wurde er Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Als Sinto wurde er jedoch zunehmend diskriminiert, in das KZ Neuengamme deportiert und 1944 im Außenlager Wittenberge ermordet.

 

Rike Reiniger entwickelte aus der realen Geschichte ein fiktives Theaterstück über die Freundschaft zweier Boxer, die im Nationalsozialismus nicht bestehen durfte. Die persönliche Erzählung aus Perspektive von Hans bietet reichlich Stoff, um über aktuelle Haltungen zu Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt zu diskutieren.

 

TdA-Dramaturgin Sylvia Martin hat neben der Autorin auch Dr. Sevasti Trubeta von der Hochschule Magdeburg-Stendal eingeladen, die in Stendal über Minderheiten, Migration und Rassismus lehrt und forscht. Gemeinsam sprechen sie über die Entstehung des Stückes, über historische Kontexte und aktuelle Bezüge. Schauspieler Paul Worms liest Auszüge aus dem Theaterstück.

 

Anmeldungen zu dieser Online-Veranstaltung sollten rechtzeitig über die Theaterkasse 03931 - 63 57 77 oder unter besucherservice@tda-stendal.de gerichtet werden.

Familie Brasch

Ostdeutsch-jüdische Geschichtserfahrungen

Ofer Waldman / Foto: Tal Alon
Ofer Waldman / Foto: Tal Alon

Im Rahmen der Veranstaltungswoche »Denken ohne Geländer« findet am 28. Januar um 18 Uhr ein Online-Vortrag zum Dokumentarfilm »Familie Brasch« mit Dr. Ofer Waldman statt, der ab 16 Uhr gezeigt wird.

 

Die ostdeutsche Funktionärs- und Künstlerfamilie Brasch ist 2018 in einem Film von Annekatrin Hendel portraitiert worden. Mit Bettina Wegner, Christoph Hein und Katharina Thalbach kommen Weggefährt*innen zu Wort, deren Erinnerungen nicht nur der Familie gelten, sondern auch ein Stück DDR-Geschichte erzählen. Von der Familie Brasch lebt heute nur die jüngste Tochter der Familie, die 1961 in der DDR geborene Autorin und Radiomoderatorin Marion Brasch, die im Film von ihren Erlebnissen berichtet. In seinem Vortrag geht Dr. Ofer Waldman zunächst auf die ›älteren‹ Generationen, den West-Remigranten und Honecker-Gefährten Horst Brasch sowie den Bühnenautoren und Poeten Thomas Brasch ein. Er wirft die Frage auf, welche jüdischen Geschichtserfahrungen im Leben dieser (fast) drei Generationen bedeutsam wurden und lädt dazu ein, die DDR auch im Lichte ihrer widersprüchlichen ostdeutsch-jüdischen Geschichte zu betrachten.

 

Dr. Ofer Waldman, der in der Bundesrepublik ebenso zu Hause ist wie in Israel, ist Musiker, Journalist und Radioautor. In seiner Dissertation hat er sich intensiv mit dem Bühnenautor und Poeten Thomas Brasch befasst.

 

Anmeldungen zum Online-Vortrag bitte rechtzeitig an info@denken-ohne-gelaender.de.

VOR UND NACH »HALLE«

Aktueller Antisemitismus und Gegenwehr

Benjamin Steinitz / Foto: RIAS Berlin
Benjamin Steinitz / Foto: RIAS Berlin

In der Online-Veranstaltung „Vor und nach ’Halle’“, die am 29. Januar um 10 Uhr stattfindet, stellt Benjamin Steinitz vom Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. (RIAS) Ergebnisse einer Studie vor, in der Antisemitismus aus der Perspektive von Juden*Jüdinnen in Sachsen-Anhalt beschrieben wird.

 

Der rechtsterroristische Anschlag von Halle kam nicht aus dem Nichts, vielmehr ist Antisemitismus ein integraler Bestandteil rechter Szenen in Sachsen-Anhalt. Darauf geht Benjamin Steinitz ebenso ein wie auf Antisemitismus, wie er sich aus der Sicht von Juden*Jüdinnen darstellt. Anna Schapiro, Mitbegründerin und Herausgeberin von »Jalta« – Zeitschrift für jüdische Gegenwart, schildert, wie sie den Prozess gegen den Attentäter erlebt hat und inwieweit den angegriffenen Menschen dort wie auch in den Medien angemessener Raum verschafft wurde. Beide Referent*innen werfen auch die Frage danach auf, wie dem aktuellen Antisemitismus in Sachsen-Anhalt effektive begegnet werden kann und muss. Mit den Teilnehmern soll es zu einem Austausch kommen

 

Anmeldungen können unter info@denken-ohne-gelaender.de erfolgen.

LANDESDEMOKRATIEKONFERENZ UND GEDENKEN IN HALLE

Ein Jahr nach dem Attentat in Halle – Gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus

Am 9. Oktober 2020 jährte sich der antisemitische und rassistische Terroranschlag von Halle zum ersten Mal. Im Rahmen des Gedenkens fand neben verschiedenen Gedenkveranstaltungen auch die Landesdemokratiekonferenz »Ein Jahr nach dem Attentat in Halle – Gemeinsam gegen Antisemitismus und Rassismus« mit Expert*innen zur Analyse und zur Entwicklung von Gegenstrategien statt.

 

Vertreter*innen der Jüdischen Gemeinde, der Zivilgesellschaft sowie des Bundes und des Landes verständigten sich darüber, wie Antisemitismus und Rassismus der Nährboden entzogen und wie derartige Angriffe verhindert werden können.

 

Max Privorozki, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, betonte, dass Demokratie gepflegt und verteidigt werden müsse. In vielen Ländern bezahlten Menschen mit ihrer Freiheit und ihrem Leben dafür, dass die Blume der Demokratie aufblüht, und bei uns sei sie da, aber gefährdet. »Es geht nicht nur um Antisemitismus, Rassismus, es geht auch um Hass, Aggression, Intoleranz in der Gesellschaft, und die ist wirklich tödlich.«

 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sagte im Anschluss auf der Gedenkveranstaltung: »Menschenfeindlichkeit trifft nicht jeden, aber sie betrifft uns alle. Denn sie ist ein Angriff auf die offene Gesellschaft. Sie trifft unsere Demokratie ins Herz. Das dürfen wir nicht zulassen! Und ich bin sicher, die meisten Menschen in unserem Land wollen das nicht zulassen. Deshalb lassen Sie uns zusammenstehen, Christen, Juden und Muslime, Gläubige und Atheisten, Ost- und Westdeutsche, neu Zugewanderte und Alteingesessene. Wir stehen zusammen gegen Antisemitismus, gegen Rassenhass, gegen Muslimfeindlichkeit, gegen Menschenfeindlichkeit. Hier in Halle und überall in Deutschland.«

 

Prof. Dr. Katrin Reimer-Gordinskaya und Jürgen Lenski nahmen an der Landesdemokratiekonferenz teil. DENKEN OHNE GELÄNDER schrieb der Jüdischen Gemeinde Halle nach dem Attentat diesen Brief.

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PROBLEMBESCHREIBUNG: ANTISEMITISMUS IN SACHSEN-ANHALT

Studie vom Bundesverband RIAS e.V. im Auftrag der Landesregierung Sachsen-Anhalt

Die Problembeschreibung beruht auf einer Befragung von Mitgliedern jüdischer Communities, die ihre Erfahrungen mit Antisemitismus schildern und die bisherigen Umgangsweisen in LSA mit ihm einschätzen. 

Zudem werden polizeiliche und zivilgesellschaftliche Daten zu antisemitischen Vorfällen und Straftaten im Bundesland vergleichend analysiert, wodurch das Dunkelfeld teilweise ausgeleuchtet werden kann. 

Hier kann die vollständige Studie abgerufen werden:

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Problembeschreibung_Antisemitismus_in_LS
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VÖLKISCHE LANDNAHME

Alte Sippen, junge Siedler, rechte Ökos

Anfang Oktober fand in Stendal eine Buchpräsentation mit Andreas Speit, organisiert von der Landeszentrale für politische Bildung Sachsen-Anhalt, statt. Es gab viele Nachfragen und Redebeiträge, weil sich die Zivilgesellschaft in der Altmark-Region mit diesen Erscheinungen unmittelbar auseinandersetzen muss.

 

Seit Jahren siedeln sich junge Rechtsextreme bewusst in ländlichen Regionen an, um dort generationsübergreifend »nationale Graswurzelarbeit« zu betreiben. Dieser unauffällige Aktionismus ist gegen die moderne und liberale Gesellschaft der Großstädte gerichtet, es herrschen alte Geschlechterbilder und autoritäre Erziehungsmuster vor. Die Aussteiger von rechts betreiben ökologische Landwirtschaft, pflegen altes Handwerk und nationales Brauchtum, organisieren Landkaufgruppen und eigene Wirtschaftsnetzwerke, die bundesweit agieren. Sie bringen sich in örtlichen Vereinen ein und gehen in die lokale Politik, um Umweltschutz mit »Volksschutz« zu verbinden und eine angebliche »Überfremdung« zu verhindern.

 

Die beiden ausgewiesenen Rechtsextremismus-Experten Andrea Röpke und Andreas Speit verfolgen seit Jahren diese kaum beachtete Entwicklung. Sie zeigen die historischen Wurzeln und aktuellen Vernetzungen auf, die bis in die Parlamente reichen. Dabei wird deutlich: Hier handelt es sich um eine unterschätzte Gefahr. 

 

Andrea Röpke/Andreas Speit, Seiten: 208, Bonn 2019, Bestellnummer: 10311. Das Buch kann bei der Bundeszentrale für politische Bildung bestellt werden.